Auf dem Richtertisch: die Bergziege

Die Gams im Kreuzfeuer

Seit Jahren tobt der Streit um die Gams, speziell im Landkreis Miesbach. Denn hier ist der Verein „Wildes Bayern e.V.“ zuhause. Deren Vorsitzende aus Rottach-Egern, Christine Miller, will nun gerichtlich gegen die Staatsforste vorgehen, denn die Regierung würde einen „Vernichtungsfeldzug gegen die Gams“ betreiben.

Schonzeit aufheben – ja oder nein? Der Fall beschäftigt nun sogar den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof. / Quelle Bild li.: Wildes Bayern, re.: Klaus Wiendl

Sie stehen unter besonderem Schutz der EU. Und das Alpenvorland wie die Tegernseer Berge sind ihr natürlicher Lebensraum. Doch nicht nur der Bayerische Jagdverband (BJV) befürchtet, dass die Gämsen „gänzlich ausgerottet werden sollen“ – auch Christine Millers Verein „Wildes Bayern e.V.“. Denn das Halali auf die Gams ist eröffnet.

Seit 1. August bis 15. Dezember, so die Rottacher Wildbiologin Miller, sind die „Gämsen wieder unter Feuer“. „Fast 5.000 Gämsen wurden im vergangenen Jagdjahr in Deutschland erlegt. 90 Prozent davon in Bayern“, beklagt Miller in Ihrer Pressemitteilung. Allein im Bezirk Oberbayern würden die Bayerischen Staatsforste die „gesetzliche vorgeschriebene Jagdzeit“ von gut vier Monaten ignorieren und das „ganze Jahr“ jagen.

Damit sei „fast jede fünfte Gämse im eigentlich als Schonzeit ausgewiesenen Zeitraum erlegt“ worden. Gegen die Aufhebung der Schonzeit hat der Verein Wildes Bayern, unterstützt durch Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung, im Juli beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof einen Normenkontrollantrag gestellt. „Damit kommt die wildfeindliche Politik Bayerns auf den juristischen Prüfstand“, erklärt Münchhausen. Selbst im Nationalpark Berchtesgaden gebe es ein Gebiet, in dem die Schonzeit aufgehoben werde.

Jagd während der Schonzeit

„Jagd während der Schonzeit in einem Nationalpark ist nicht vereinbar mit dem Ziel eines derartigen Schutzgebietes, in dem Natur und Wildtiere Vorrang haben sollen“, so Münchhausen. Erste Analysen der Deutschen Wildtier Stiftung würden zeigen, dass bei der Jagd auf die Gams in Bayern zu viele Tiere in der jungen und mittleren Altersklasse geschossen werden. „Es mangelt an alten Tieren – sie sind rar geworden, da zu intensiv gejagt wird“, beklagt Münchhausen.

„Der Gams geht’s gut“, erklärt dagegen Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber und beruft sich dabei auf ein Forschungsprojekt. Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen würden auf stabile und vitale Populationen hinweisen. „In den Bergen sind auch heuer wieder viele Gämsen unterwegs“, so die Fachministerin für die Staatsforste. Diese beklagen, das Symboltier der Berge fresse die jungen Bäume so ab, dass der Wald nicht mehr richtig nachwachsen könne. Deshalb wollen die Staatsförster in manchen Gegenden der Alpen doppelt so viele Gämsen abschießen lassen wie in den Jahren zuvor.

„Viele geschossene Gamsjährlinge“

Damit ist der Streit um die Jagdpolitik vollends entfacht. Denn verlässliche Zahlen darüber, wie viele Gämsen in den bayerischen Alpen leben, gebe es nicht, sagt Münchhausen. „Wir brauchen dringend ein Monitoring über den Gamsbestand“. Dieses soll nun mit der Normenkontrollantrag erreicht werden. Anders sieht dies ein Leser der Tegernseer Stimme.

Michael Bartl aus Kastl in der Oberpfalz schreibt, der Anteil überproportional vieler geschossener Gamsjährlinge zeige, dass die dortigen Jäger lieber “nur” ein nicht führendes Stück erlegen würden, bevor sie vielleicht versehentlich ein führendes Muttertier schießen. „Wenn man keine älteren Weiblichen erlegen soll und keine Jungen, ja was denn dann?“, so Bartl. Miller, selbst Jägerin, habe sich „disqualifiziert“. Ihr würde es in erster Linie darum gehen, dass generell weniger geschossen werde. “Verleumdungen und Beleidigungen sind die Argumente jener Leute, die sonst keine Argumente mehr haben“, so Bartl.

Neue Plattform zur Gamsbeobachtung am Wallberg

Hart ins Gericht mit Miller geht auch der Ökologische Jagdverein Bayerns (ÖJV). Wie mehrmals berichtet, hatte die Wildbiologin die Jagdpolitik im Nationalpark Berchtesgaden angeprangert, nachdem sie etwa ein Dutzend verendeter Hirschkälber um Ufer des Königsees entdeckte. Für Miller ist klar, dass Muttertiere erlegt wurden.

Die Rottacher Tierschützerin Christine Miller entdeckte im Mai am Königssee mehrere tote Muttertiere. / © Wildes Bayern e.V.

Die Vorwürfe der Rottacherin seien „konstruiert und fachlich nicht zu halten“. Die Jagd im Nationalpark bewege sich in den letzten 12 Jahren „innerhalb der gesetzlichen Vorgaben“, so der ÖJV in seiner Mitteilung. Es wäre sogar eine „etwas intensivere Bejagung zugunsten der Nationalparkziele wünschenswert“. Anhand der Streckenlisten würde sich auch „klar feststellen“ lassen, dass die Altersstruktur beim Gamswild, anders als von Miller behauptet, „nicht desolat ist“.

Wie es um die Gams steht, davon kann man sich bald selbst ein Bild machen. Die Ministerin will noch im Herbst auch am Wallberg eine Beobachtungsplattform erstellen lassen. „Wer sich ruhig verhält und Rücksicht nimmt, kann dann wertvolle Einblicke in das Leben und die tollen Kletterkünste der Gämsen gewinnen“, hofft Kaniber.


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