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Neuer Erfolg des Wiesseer Bauausschusses

Eine Fassade wie eine Migräneattacke

Von Martin Calsow

Symmetrie ist die Ordnung der Dummen. So heißt es, wenn Kleingeister eine Ordnung einfordern, die dem Auge des Kleinbürgers gefällt. Aber in der Unordnung, dem Misston, dem scheinbar migränisch Zufälligen, liegt oft die Kraft der wahren Schönheit. Ein Blick in Wiessees Ortsmitte reicht, um zu sagen: Wiessee rockt.

Wiessee hat das lake-live-ex-haus-Ursula Sammelsurium, oder wie Freunde es auch zärtlich nennen: den Klotz.

Eine Glosse von Martin Calsow

Der Lindenplatz – Bad Wiessees gefühlte Ortsmitte. Hier ist alles schön. Selbst die Skulpturen: Ein älterer Herr zeigt zwei Kindern seine Wasserrute. Eine Ampelquerung sorgt für den nötigen Verweilstau. So können auch Vorbeifahrende jenes architektonische Schmuckkästchen genießen, welches zwar Jahre für seine Entstehung brauchte, aber nun wie ein steinerner Schmetterling aus seinem Baustellen-Kokon entschlüpft, dem Betrachter mit einem baulichen Kabinettstückchen erquicken lässt.

Füssen mag Neuschwanenstein haben, Köln den Dom. Wiessee hat das lake-live-ex-haus-Ursula Sammelsurium, oder wie Freunde es auch zärtlich nennen: den Klotz. Hier dient Architektur dem Leben und dem Alltag, dem Kleinen im großen Ganzen. Nicht umgekehrt. Das illustriert die Absage an eine längst überstrapazierte, immer modischer sich spreizende Spektakelhaftigkeit am Bau. Der Westbank-Klotz ist emblematisch für das aktuelle Bauen im Tegernseer Tal. Er will nur Profit, nicht Anspruch sein. Ehrlich, groß und grässlich. Nehmen, was da ist – Das ist nachhaltiges Bauen im 21. Jahrhundert, frei von althergebrachten Vorstellungen wie Symmetrie und optischen Einklang.

Einfach dran und fertig

Ein Leser schickte uns freundlicherweise diese Dokumente oberbayerischer Baukunst. Sie zeigen, wie gekonnt private Bauträger aus Münchner Vororten in unserem Tal das Alte mit dem Neuen, das Traditionelle mit modernen Elementen verbinden können. Divers wie das Leben selbst sind die Fensterläden. Wozu beweglich? Sind wir doch schon bei der Auslegung des Baurechts. Schließlich erfüllen diese Läden keinen Zweck. Einfach dran und fertig – das ist das pragmatische Motto des Bauherrn. So geht Bauen heute: Nehmen, was da ist. Keine Schnörkel wie beim “Aprikot macht Muddi froh” Schloss drüben in Tegernsees Gewerbegebiet Süd, wo Scheichens ihre schiachen Schäumeträume verwirklichen. Eine Farbe wie ein Schlaganfall.

Anders in #wiesseerocks, dem Powerort mit der Dauerbrache am Seeufer: Statt einer Grundfarbe griff vermutlich der Bauherr hier zu allem, was ihm (oder dem Baumarkt in Ismaning) an Restbeständen zur Verfügung stand. Jalousien im malignen Melanom-Ton widersetzen sich der Dominanz harnsteinfarbener Läden an französischen Fenstern. Wurde die Sprossenaufteilung vor Ort mit der Käuferschaft ausgewürfelt? Nur so konnte ein Feng Shui Feeling entstehen, verriet uns ein schlauer Schreiner-Schamane. Auf Erdgeschoss-Ebene in Fenstern eine Sprossenaufteilung, die Platz lässt für eine gigantische Katzenklappe, selbst für Garfield passierbar. Unterlichter, Oberlichter? Wer hat noch nicht, wer will noch eines?

Oben ein Fallrohr. Es führt, und hier kommt Philosophie ins Spiel (Korbi Kohler, aufgepasst), ins Nirgendwo. Einfach offen sein, wenn der Starkregen kommt. So geht man hier offensiv mit dem Klimawandel um.

Ein architektonisches Kleinod

Aber was wäre ein Bauvorhaben im Tal ohne Balkon, der Terrasse des kleinen Mannes? Auch hier wurde mit dem Zufallsgenerator gearbeitet. Zur Bundesstraße zeigen sie sich im umlaufende Asia-Stäbchen-Look, der die Älteren unter uns noch an die Bastmattenverzierungen diverser Hochhausbalkonen in Westdeutschlands Ghettos erinnert. Hier könnten sich großflächige Satellitenschüsseln gut machen.

Besonders gelungen ist in diesem wegweisenden Ensemble die Bodenversiegelung. Mausgraue “kannstenixfalschmachen-Platten, vermutlich vom LKW “gefallen”, sind ein wirkmächtiger Hinweis an die gute, alte Zeit des Steingartens. Motto: Hauptsache, da wächst nix.

Was lange währt, wurde richtig gut: Im März sind es vier Jahre seit Abriss des alten Gebäudes „Haus Ursula“. Man kann den Bauherrn aus Ismaning nur beglückwünschen. Unter seiner Unternehmerschaft, aber vor allem den sachkundigen Augen des örtlichen Bauausschusses und die eines strengen Bauamtsleiters hat sich hier ein architektonisches Kleinod entwickeln dürfen. Es wird zukünftig in keinem Fremdenführer fehlen dürfen und ist schon jetzt ästhetische Gegengewicht zur Tegernseer “Bohne”, getrennt nur vom See wie Romeo und Julia, Verstand und Emotion, Pest und Cholera.

Auch wenn böse Kritiker behaupten, diese Meisterwerke deutscher Baukultur seien nur durch konsequenten Artilleriebeschuss zu verbessern, funktioniert auch hier der alte Satz: Erst bauen Menschen Häuser, dann bauen Häuser Menschen. Kann man freundlich verstehen, oder bei diesem Klotz auch als Drohung …

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