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Die Gegenpole: Leidecker und Bogner jun.

„Heimat muss man sich leisten können“

„Deutschlandradio“ stellte in einer Reportage “Teures Wohnen am Tegernsee” zwei Protagonisten gegenüber, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Josef Wolfgang Bogner, den Wirt des Voitlhofs zum Zotzn, und Immobilienentwickler Rainer Leidecker.

Die Antipoden: Immobilienentwickler Rainer Leidecker und Zotzn-Wirt Josef Bogner jun.

Ein Grundstück am Tegernsee lasse sich leicht in ein Vermögen verwandeln, so die Autorin Nana Brink von Deutschlandfunk Kultur. Denn betuchte Käufer, die die explodierenden Immobilienpreise bedienen können, gebe es genug. Oft genug müssten Bauernhäuser und Gasthöfe dafür weichen. Vielen Einheimischen würde es mittlerweile reichen. “An gewissen Plätze fühle ich mich schon noch dahoam“, sagt Josef Bogner (33). Doch Einheimische treffe man da nicht mehr viele:

Es wird auch gar nicht mehr darauf gesetzt, dass da Einheimische verkehren. Da wird wirklich nur noch auf die Betuchten aus der ganze Welt gesetzt und es ist für uns Einheimische unmöglich, da sich was zu kaufen.

Rainer Leidecker, seit 20 Jahren in der Immobilienbranche am Tegernsee tätig, hält dagegen: “Mit den Ängsten müssen die Leute auch umgehen. Nicht wir bestimmen den Immobilienmarkt, sondern der Verkäufer und Käufer. Und es wird nicht ausbleiben, dass es zu weiteren Preisentwicklungen kommen wird und es wird weiter nach oben gehen.”

Josef Bogner und Rainer Leidecker seien sich schon öfters begegnet. Zum Beispiel im “Voitlhof”, das die Familie Bogner betreibt. Man grüße sich dann auf gut Bayrisch – und gehe sich dann wieder aus dem Weg. „Vielleicht weil beide wissen, dass sie nicht zusammenkommen würden. Auch nicht beim Bier. Schon erst recht nicht beim Champagner. Weil ihre Vorstellungen von Heimat so anders seien. Oder das, was aus ihr werden soll. Was sie kosten soll“, schreibt Brink.

Wo sollen die Nachkommen der Einheimischen leben?

Was Heimat in Zukunft kostet, sei für beide eine Art Existenzfrage. Für den jungen Bogner, der sich frage, wo seine Nachkommen leben sollen in einem Ort, an dem kürzlich ein Grundstück für 6,4 Millionen Euro den Besitzer gewechselt hat. Und für den arrivierten Makler Rainer Leidecker, der für seine betuchte Klientel immer neue Filetstücke finden müsse.

Was ist passiert im Postkartenidyll Tegernsee? “Wir am Tegernsee haben gerade das Thema, dass wir voll im Trend liegen, das heißt jeder will hierher. Das ist ja grundsätzlich legitim, weil wir eine der schönsten Gegenden in Deutschland sind und von daher kann man nicht sagen, man ist allein auf der Welt, und ihnen das verwehren, dass sie hierher ziehen möchten“, so Leidecker.

Auch Christian Köck kommt im Beitrag „Heimat muss man sich leisten können“ zu Wort. Als Bürgermeister sprecht er unverhohlen von “explodierenden” Immobilienpreisen. Für Eigentumswohnungen in bester Lage werden bis zu 10.000 Euro und mehr pro Quadratmeter gezahlt; in einfacher Lage bis zu 6500 Euro.

Die Skala ist natürlich nach oben offen. “Zumal ich ja weiß, dass die Entwicklung möglicherweise dazu führt, dass die Karawane irgendwann weiterzieht. Dass die Preise natürlich astronomisch sind, ich kann Ihnen ein Beispiel nennen und das macht uns natürlich sehr große Sorge, das Thema Bodenrichtwerte war in der letzten Zeit immer wieder ein großes Thema.“

Reizwort: Bodenrichtwert

Das sei ein Wort, das alle im Tegernseer Tal umtreibe, die Bürger, die Makler und die Politik: der Bodenrichtwert. Köck wird damit zitiert: “Wir reden davon, dass über den Zeitraum von zwei Jahren sämtliche Kaufpreisurkunden zur Sammlung herangezogen werden, und der neutrale Gutachter-Ausschuss am Landratsamt, der fertigt daran die neue Bodenrichtwert-Tabelle, und nach dem solche Summen gezahlt werden und auch sehr viele Objekte verkauft worden sind, kann man sich vorstellen, wo die Bodenrichtwerte hingeschossen sind.”

“Astronomisch” sei der Lieblingsbegleiter des Bodenrichtwertes im Tegernseer Tal. Auch das sei eine Frage der Betrachtungsweise. Was für die einen Heimat ist, ist für die anderen das ersehnte Feriendomizil. Und in jedem Fall eine lukrative Anlage. Die Gegend rund um den Tegernsee gilt als eine der begehrtesten Wohn- und Urlaubsgebiete Deutschlands, zu vergleichen mit Sylt oder Kitzbühel in Österreich.

Eine weißblaue Idylle: See, Berge, Himmel. Arbeitslosenquote: fast null. Kriminalitätsrate: nicht ganz null. Hier gibt es mehr Bioläden als Supermärkte. Mehr Makler als Metzger. Mehr Fußballstars, Konzernchefs und Oligarchen auf einem Quadratkilometer als sonst wo in der Republik. Apropos Oligarchen. Zu den reichen Russen sagt Leidecker in dem Bericht: „Es gibt fünf oder sechs Häuser, die an sie verkauft wurden, was ja auch schön ist. Diese Häuser sind immer in einem Top-Zustand, und der Käufer tritt hier im Tegernseer Tal so gut wie überhaupt nicht auf.“

„Die Einheimischen haben das aus dem Ruder laufen lassen“

„Schuld sind in allererster Linie die Einheimischen selber, muss man ganz klar sagen“, sagt Wirt Bogner in dem Hörfunk-Beitrag. „Jeder hat mal was verkauft. Dass die Einheimischen das vor 30 Jahren total haben aus dem Ruder laufen lassen, das ist nicht mehr umzukehren“. Er sei als gelernter Zimmerer im Tal-Baugewerbe unterwegs gewesen und dies an verschiedenen Projekten erlebt.

Die Schuld für den Ausverkauf der Heimat aber gibt er den Immobilienmaklern: „Die sind wie die Schwammerl aus der Erden gewachsen – und einheimische Betriebe sind weniger geworden.“ Schon jetzt zeige die Statistik laut Autorin Nana Brink, dass immer mehr junge Menschen wegziehen. Ihr Fazit: „Im Tegernseer Tal muss man sich Heimat inzwischen auch leisten können“.


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