Wiessee spart für Brot aus Rottach

von Martin Calsow

In der Pandemie wirken Erlebnisse und Eindrücke anders: Einige stärker, weil mehr Zeit zum Verweilen da ist, andere schwächer, weil man sich scheinbar an sie gewöhnt hat. Es ist eine kleine Aufzählung der Gegensätze von Martin Calsow und enthält Spuren von whataboutism.

Das Tegernseer Tal und seine Gegensätze – eine Aufzählung. / Quelle: Martin Calsow

Ein Kommentar von Martin Calsow

Ein zufälliges Treffen an einem Golfplatz. Das Ehepaar, unwesentlich älter als der Autor, dafür aber bedeutend reicher, erzählt von zwei Reisen. Zunächst über den letzten Jahreswechsel zu Wellness und Wein nach Südafrika und dann gleich im Februar ein Kurztrip in ein europäisches Land zum Impfen. “War ein wenig teurer, aber immerhin sind wir jetzt mit Biontech geschützt.” Ein nach Zustimmung (gar Bewunderung?) beim Gegenüber heischendes Lächeln der Ehefrau.

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Eine Servicekraft aus Bulgarien hat seit Monaten keine Chance auf Arbeit. Ihr Mann aus Sachsen-Anhalt arbeitet als Trockenbauer, hat sich auf einer Baustelle mit Corona infiziert. Jetzt sitzen beide daheim. Ihr Vermieter verlangt offiziell 900 Euro für die Wohnung, lässt sich dann aber gern die Differenz „zur ortsüblichen Miete” in bar bezahlen. Ging über Jahre gut, weil das Trinkgeld ausreichte, aber jetzt wird es natürlich eng. Der Vermieter hat ein Einsehen. Er stundet. “Im Sommer geht’s ja bestimmt wieder los”, sagt er.

Ein Spielwarengeschäft muss seit Wochen den Laden geschlossen halten, mit Mühe bekommen sie ein click and collect System. Ein Ort weiter darf der große Drogeriemarkt in der umsatzstarken Weihnachts- und Lockdown-Zeit munter Puzzle, Puppen und Parfums verkaufen. 2017 wurde bekannt, dass der Gründer der Kette sich mit einem zweistelligen Millionen-Euro-Betrag an Cum-Ex Geschäften beteiligte, mit denen dem deutschen Staat durch Rückerstattung nicht gezahlter Steuern insgesamt Milliarden entgingen.

Das Laib Brot für 11,50 Euro

In der Pandemie geht vieles nicht voran. Menschen bangen um ihre Existenz. Was aber bisher nicht aufgehört hat, ist die Wertsteigerung der Tal-Immobilien. 2012 verkaufte die hochverschuldete Gemeinde Bad Wiessee Baugrundstücke und erlöste damit weniger als drei Millionen Euro. 300 Euro für den Quadratmeter sollten es sein. Acht Jahre später wird wieder verkauft. Jetzt privat. Ein einstiger Käufer will weg. Mehr als zwei Millionen Euro werden für ein kleines Haus gefordert. Der Bodenwert ist um das Sechsfache gestiegen. Aller Erfahrung nach wird er / sie das Geld bekommen.

Sie arbeitet im Event-Management. Er ist selbständiger Messebauer. Beide arbeiten schwarz, weil es zur Zeit keine andere Chance gibt. Wenn die Flyer der Discounter herauskommen, entscheiden sie, wo sie einkaufen können. Hilfsgelder sind nicht angekommen.

In einem Feinkostladen im südlichen Teil des Tals wird ein Laib Brot für 11 Euro fuffzig verkauft, ist aber auch Sauerteig und bio. Und ist am Nachmittag immer ausverkauft, sagt eine Kundin mit einem Laib unterm Arm beim Verlassen des Geschäfts.

120 Menschen im Landkreis lassen sich nicht mit Astra Zeneca impfen. Gehen lieber heim. Überlassen anderen die Wahl, hoffen darauf, dass die bald einsetzende Herdenimmunität irgendwie sie dann auch schützt. Jammern aber über scheinbare Privilegien der Geimpften. Zünden sich dann verärgert eine Zigarette an.

Ist das noch verhältnismäßig?

Die Gemeinde Bad Wiessee (jene, die Grundstücke vor Jahren verjubelte) rechnet aufgrund der Pandemie mit einer Reduzierung der Tourismus-Einnahmen (Fremdenverkehrsbeitrag) um über eine halbe Million Euro. Deswegen reduziert sie den Kurbeitrag auf Betreiben der CSU von drei Euro dreißig auf drei Euro. Dahinter steckt diese Vermutung: Sollte im Sommer der Lockdown eingeschränkt, Tourismus wieder möglich sein, werden die nun urlaubenden Menschen um Bad Wiessee wegen dieser 30 Cent pro Tag einen Bogen machen. Damit verzichtet die Gemeinde auf mindestens 150 – bis 200.000 Euro. Aber eine dreiköpfige Familie hat in vierzehn Tagen damit so viel eingespart, dass sie sich den Laib Brot in Rottach-Egern kaufen kann.

In Hausham greift die örtliche Polizei gegen zum Teil Minderjährige durch, die sich in einer Hütte treffen und damit gegen das Infektionsschutzgesetz verstoßen. In Irschenberg treffen sich örtliche Unternehmer beim Dinzler und “vergessen”, die Maske aufzusetzen. Polizisten sind vor Ort. Aber es ist alles ok, sagen sie und irgendwann tragen ja dann auch alle die Maske. Verhältnismäßigkeit hat eben auch mit den handelnden Personen zu tun. 

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