Kommt jetzt die dreifache Impfung?

von Maxi Hartberger

Verwirrung ums Impfen: Seit vergangenen Donnerstag sollen Personen, die bisher eine Dosis AstraZeneca erhalten haben, bei der zweiten Impfung einen mRNA-Impfstoff erhalten. Einige sind allerdings bereits vollständig mit AstraZeneca geimpft. Muss nun eine dritte oder gar vierte Impfung folgen? Wir haben mit Dr. Thomas Straßmüller gesprochen, was er von all dem hält.

Dr. Thomas Straßmüller gibt uns seine Einschätzung zu den sogenannten Kreuzimpfungen.

Vergangenen Donnerstag gab das Robert-Koch-Institut einen Impfstrategie-Wechsel bekannt. Grund ist eine neue Impf-Empfehlung der STIKO in Bezug auf das Vakzine AstraZeneca (wir berichteten). In ganz Europa breitet sich derzeit die deutliche ansteckendere Deltavariante von SARS-CoV-2 schnell aus.

Neueste Studien aus Großbritannien zeigen, dass die Immunantwort nach heterologem Impfschema der Immunantwort (AstraZeneca/mRNA-Impfstoff) nach homologer AstraZeneca-Impfserie (2 Impfstoffdosen AstraZeneca) deutlich überlegen sei. Heißt im Klartext: Alle Personen, die bei der ersten Impfung AstraZeneca erhalten haben, sollen bei der zweiten BioNTech oder Moderna, also einen mRNA-Impfstoff, gespritzt bekommen, da dadurch der Schutz vor der Delta-Variante deutlich höher sei.

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Doch was, wenn eine Person bereits vollständig mit AstraZeneca geimpft wurde? Und stimmt es, dass dadurch Probleme bei der Einreise in einigen Ländern entstehen könnten? Ist man nun gezwungen, eine dritte oder gar vierte Impfung mit einem mRNA-Impfstoff zu erhalten? Wir haben mit Dr. Thomas Straßmüller, Ärztlicher Leiter des Impfzentrums Hausham, über das ganze Thema gesprochen.

Für welche Situationen oder Personengruppen ist eine dritte oder vierte Impfdosis mit einem anderen Impfstoff sinnvoll?

Dr. Thomas Straßmüller: Bezüglich dritter und vierter Impfungen ist aktuell noch keine Aussage möglich, Studien hierzu laufen allerdings, und es gibt auch schon erste Ergebnisse, die unter anderem einen starken Anstieg der Antikörper nach einer dritten Impfung zeigen. Diese Studien laufen allerdings eher mit homologen Impfungen (also erneute Impfung mit demselben Impfstoff).

Die heterologe Impfung oder auch Kreuzimpfung war ja vor allem in Deutschland aus der Not heraus geboren, dass die RKI-Empfehlungen für AstraZeneca sich im Verlauf der Impfkampagne geändert hatten. Hier geht es aber nicht um die Drittimpfung, sondern darum, dass bei der zweiten Impfung ein anderer Impfstoff verwendet wird als bei der ersten. Bezüglich der Situationen und Personengruppen für eine eventuelle dritte Impfung gilt Folgendes:

Eine dritte Impfung wäre notwendig, wenn der Schutz durch die ersten Impfungen nicht mehr ausreicht.

Besonders im Fokus sind dabei Menschen mit schwachem Immunsystem, alte Menschen, Menschen mit Immunschwächekrankheiten oder Menschen unter einer Medikation, die das Immunsystem schwächt.

Sehen sie bei Mehrfach-Impfungen Risiken?

Straßüller: Wir kennen Mehrfachimpfungen (also die Verabreichung desselben Impfstoffs mehrmals) bei vielen anderen Impfungen. In der Regel sind sie unproblematisch, wenn man bestimmte Impfabstände einhält.

Gibt es Vakzine, die nicht miteinander kombiniert werden sollten?

Straßüller: Bisher gibt es keine Hinweise dafür, dass die in Europa zugelassenen Impfstoffe nicht zeitlich versetzt kombiniert werden könnten. Die Zulassungsstudien allerdings wurden immer mit einem homologen Impfschema (also Verabreichung gleicher Impfstoffe) durchgeführt.

Die STIKO wirbt für die Kreuzimpfung, die WHO spricht aktuell noch keine Empfehlung aus. Was ist Ihre Einstellung zu Kreuzimpfungen?

Straßüller: Die STIKO wirbt nicht generell für Kreuzimpfungen. Sie hat nur festgestellt, dass die (seit einiger Zeit in Deutschland praktizierte) Kombination aus einer Astra-Erstimpfung und einer BioNTech-Zweitimpfung in dieser Reihenfolge eine hohe Schutzwirkung hat. In dieser Kombination kann man (wegen der guten Immunreaktion) dann den empfohlenen Astra-Impfabstand von 12 Wochen deutlich verkürzen, was wohl auch zu der Empfehlung der STIKO beigetragen hat.

Im Moment möchte man ja möglichst schnell viele vollständig Geimpfte. Ich kann diese Entscheidung nachvollziehen. Wir setzen das sowohl im Impfzentrum, als auch in den Praxen so um. Trotzdem ist es nach wie vor so, dass auch zweimal mit Astra Geimpfte einen guten Schutz haben. Ein mögliches Argument gegen die Kreuzimpfung ist, dass man das Nebenwirkungsprofil beider Impfungen in Kauf nimmt.

Bei all der Diskussion über Kreuzimpfungen und eine höhere oder niedrigere Wirksamkeit von Impfstoffen oder Impfstoffkombinationen sehe ich aber im Hinblick auf die Pandemie das größere Problem darin, dass momentan gerade erst etwas mehr als ein Drittel der Landkreisbevölkerung vollständig geimpft ist. Aktuelle Berechnungen des RKI zeigen, dass bei der Delta-Variante 85 Prozent vollständig Geimpfte zum Erreichen einer Herdenimmunität notwendig wären.

Einige Länder erkennen bestimmte Impfungen nicht an. Wie ist das aus ärztlicher Sicht zu beurteilen?

Straßüller: Ja, auch das ist ein mögliches Argument gegen die heterologe Impfung: manche Länder erkennen (bisher) diese Kreuzimpfungen nicht an. Grundsätzlich ist es so, dass die meisten Länder die Impfstoffe nicht anerkennen, die im eigenen Land nicht zugelassen sind. Zum Beispiel erkennen die USA AstraZeneca nicht an, weil dort dafür bisher keine Zulassung besteht. Das hat meist eher gesetzlich-behördliche Gründe als medizinische. Da kann zum Beispiel auch daran liegen, dass der Hersteller in diesem Land aus wirtschaftlichen Erwägungen die Zulassung überhaupt nicht beantragt hat.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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