Personalmangel im Tegernseer Tal:
12 Euro die Stunde – ist das die Lösung?

von Melanie Süss

Die Bundesregierung hat seit Oktober den Mindestlohn auf zwölf Euro brutto die Stunde erhöht. Doch ist das wirklich ein positiver Wandel, insbesondere im von Personalnotstand geplagten Einzelhandel und der Gastronomie? Wir haben mit Verbänden und Restaurants vor Ort gesprochen.

Seit Oktober ist der Mindestlohn gestiegen. Hat das positive Folgen für einige Branchen im Tegernseer Tal? / Quelle: picture alliance/dpa | Sven Hoppe

Millionen Menschen sollen seit dem ersten Oktober profitieren. Die Bundesregierung hat entschieden, dass der Mindestlohn von 10,45 Euro auf 12 Euro brutto die Stunde steigt, sowie der Minijob von 450 Euro auf 520 Euro erhöht wird. Das entspricht einer Erhöhung um fünfzehn Prozent. Grundsätzlich ist das ja erstmal eine positive Entwicklung.

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Doch sehen das wirklich alle so? Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Handelsverbands Bayern: “Wir fühlen uns von der Bundesregierung übergangen, es ist ein Eingriff in die Tarifautonomie”. Normalerweise entscheide über die Höhe des Mindestlohns die Mindestlohnkommission. Laut Ohlmann sehe der Handelsverband die Entscheidung der Bundesregierung als keine positive Entwicklung. Er wirft ebenso ein, dass es durchaus auch Jobs gebe, die man unter zwölf Euro entlohnen müsse.

Auch der Gastronomieverband Bayern äußert sich dahingehend, dass die Lohnfindung immer eine Sache zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein sollte und sich auch nicht der Staat einmischen dürfe. In der Tegernseer Tal Region ist es sowieso fraglich, ob Angestellte überhaupt unter dem Mindestlohn verdienen. Frank-Ulrich John, Pressesprecher vom Gastronomieverband Bayern, macht deutlich:

Wir haben das Glück, dass es im bayerischen Gastgewerbe nicht die Tarifgebundenen betrifft, denn diese verdienen schon seit Jahren über dem Mindestlohn.

Auf Nachfrage bestätigen uns diverse Gastronomiebetriebe im Tegernseer Tal, dass die Mindestlohnerhöhung nicht relevant für sie sei. Tobias Schröder vom Tegernseer Hof spricht aber beispielsweise davon, dass die Erhöhung des Minijobs von 450 Euro auf 520 Euro durchaus eine gute Sache sei. “Es ist gut, dass die Leute mehr verdienen und auch mehr arbeiten können”.

Die grundsätzliche Erhöhung des Mindestlohns spiele bei ihnen keine Rolle, “weil wir unsere Mitarbeiter gut bezahlen”. Seit seiner Übernahme des Tegernseer Hofs musste Schröder auf den Biergarten und die Gastronomie in den Stubn verzichten – wegen Personalmangels (wir berichteten). Das dürfte sich auch nicht mit dem gestiegenen Mindestlohn ändern, aber dazu später mehr.

Das Bräustüberl am Tegernsee sieht die Erhöhung gelassen, “wir bezahlen sowieso mehr als das”, lacht Peter Hubert. Nicht nur in der Gastronomie verdienen die Menschen mehr als den Mindestlohn, sondern auch die Nachfrage im Einzelhandel untermauert diese Annahme. Die Filialleiterin des dm-Drogeriemarkts in Rottach-Egern, Maximiliane Schreiner, sagt: “Wir bezahlen unsere Mitarbeiter, auch die Warenverräumer, schon seit Jahren über dem Mindestlohn.”

Dennoch zeigt sich für Betroffene am Monatsende bei der Gehaltsauszahlung durchaus ein positives Ergebnis. Die Entscheidung der Bundesregierung lohnt sich. In den Steuerklassen eins, drei und fünf kann man mit zirka zweihundert Euro netto mehr auf dem Lohnzettel rechnen. Darüber kann sich jeder, der davon betroffen ist, freuen. “Natürlich soll jeder soviel verdienen, dass er sich das Leben leisten kann”, äußert John, Pressesprecher des Gastronomieverbands Bayern, positiv gestimmt.

Deutlich mehr Geld für fast 500 Reinigungskräfte

Für 490 Menschen, die im Landkreis Miesbach in der Gebäudereinigung arbeiten, ist die Entwicklung ein eindeutiges Plus, teilt uns die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt mit. Der Einstiegsverdienst kletterte in der Branche ab Oktober auf 13 Euro pro Stunde, das entspricht einem Mehr von 12,6 Prozent. Beschäftigte in der Glas- und Fassadenreinigung kommen jetzt auf einen Stundenlohn von 16,20 Euro. Harald Wulf, Bezirksvorsitzende der IG Bau Oberbayern, betont:

Wer Schulen und Büros putzt oder für Hygiene im Krankenhaus und Altenheim sorgt, macht einen unverzichtbaren Job. Dafür gibt es nun eine wichtige Anerkennung. Mit dem kräftigen Einkommensplus haben die Beschäftigten auch in Zeiten hoher Inflation de facto mehr Geld in der Tasche – und verdienen deutlich mehr als den gesetzlichen Mindestlohn, der im Oktober auf zwölf Euro pro Stunde gestiegen ist.

Wulf appelliert an alle Reinigungskräfte der Region, ihre nächste Lohnabrechnung zu prüfen. Denn die Löhne sind bei ungelernten Kräften ebenso wie bei Fachleuten in der Glas- und Fassadenreinigung für die Betriebe verpflichtend. “Jede Reinigungsfirma muss sich an die neuen Standards halten. Niemand darf weniger als 13 Euro pro Stunde verdienen. Wer trotzdem zu wenig bekommt, sollte sich an die IG BAU wenden“, rät Wulf.

Nach dem Tarifvertrag, den Gewerkschaft und Arbeitgeber ausgehandelt haben, steigen die Einkommen im Januar 2024 erneut. Der unterste Stundenlohn liegt dann bei 13,50 Euro. In der Glas- und Fassadenreinigung werden künftig 16,70 Euro pro Stunde gezahlt. Außerdem profitiert der Nachwuchs: Die Azubi-Löhne erhöhen sich bis 2024 auf 900 Euro im ersten, 1.035 Euro im zweiten und 1.200 Euro im dritten Ausbildungsjahr.

Doch die Lohnerhöhung löst den Personalmangel nicht…

Seit der Corona-Pandemie gibt es in vielen Branchen großen Personalmangel. Dies hat auch Auswirkungen auf das Tal. So muss beispielsweise die Fleischtheke eines Supermarktes früher als normalerweise schließen – wegen fehlender Fachkräfte. In vielen Supermärkten hängen Schilder am Eingang, die Jobs bewerben. Auch bei zahlreichen Restaurants bleiben die Türen an so manchen Tagen geschlossen. Werden nun durch die Erhöhung des Mindestlohns gewisse Branchen wieder attraktiver?

Alle Befragten glauben nicht daran, dass die Erhöhung des Lohns den Personalmangel lösen werde. John vom Gastronomieverband wirft ein, dass bei einer Befragung der Bevölkerung der Punkt Geld lediglich auf Platz vier gewesen sei. Schröder vom Tegernseer Hof glaubt ebenfalls nicht daran, er sehe auch andere Gründe, unter anderem der Mangel an Fachkräften.

Die Annahme, dass während der Corona-Pandemie die Menschen von den Gastronomiebetrieben in den Einzelhandel abgewandert seien und dies der Grund für fehlendes Personal in den Restaurants sei, bekommen wir verneint. “Davon merken wir nichts”, sagt Ohlmann vom Handelsverband Bayern.

Es entsteht ein Teufelskreis

Die Erhöhung des Minijobs und des Mindestlohns zeigen mehr Geld am Monatsende. Das würde bedeuten, dass die Lebensqualität der Betroffenen erheblich steigen müsste. Doch vom Pressesprecher des Gastronomieverbandes erhalten wir die ernüchternde Aussage, dass diese Erhöhung der Bundesregierung für eine Anpassung im Gesamtlohngefüge sorge. Genauer gesagt, bedeute es, dass es zu Preissteigerungen kommen werde. “Die vollen Kosten kann man nicht auf die Gäste umlegen, aber einen Teil sicherlich”.

Beide Verbände sind sich einig, dass es eine Herausforderung werden wird. Vor allem zusätzlich zur aktuellen Energiekrise. “Das muss erstmal gestemmt werden”, so Ohlmann. “Viele Betriebe stehen vor dem Abgrund”. Es sei ein Teufelskreis, denn einerseits verdienen die Menschen ab Oktober mehr, andererseits werden die Preise weiter steigen. Trotz der schwierigen Entwicklungen zeigt sich John, Pressesprecher des Gastronomieverbands Bayern, dennoch vorsichtig optimistisch:

Ich finde, das Gastgewerbe ist eine wunderschöne Branche und man muss handeln, weil der Beruf angemessen entlohnt werden soll, von daher blicke ich halb zuversichtlich in die Zukunft.

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