Erst neuer Status und dann noch ein Preis
Schutzgemeinschaft hat die Lizenz zum “Streiten”

von Sabiene Hemkes

Die Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal – von einigen gefeiert, von anderen verflucht. Seit 50 Jahren konfliktfreudig und gefürchtet. Für den unermüdlichen Einsatz der Mitglieder für die Heimat gab es jüngst eine wichtige Anerkennung und einen Preis. Einiges wird sich nun ändern – wir haben nachgefragt.

Kein Wetter zu schlecht und kein Kampf zu schwer: Angela Brogsitter-Finck beim Fernsehinterview in Tegernsee. / Archivbild

Im Tal zwischen Glashütte im Süden und Gmund im Norden liegt das Einsatzgebiet der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal (SGT). Seit 50 Jahren kämpft der Verein gegen den Verlust von Natur, Landschaft, Tradition und Identität. Seit wenigen Tagen ist der Verein, dessen Mitglieder aus allen Schichten der Talbevölkerung kommen, als Umweltvereinigung im Sinne des Umwelt-Rechtsbehelfsgesetzes (UmwRG) anerkannt. Damit konnte die SGT einen über zwei Jahre andauernden Kampf erfolgreich zu ihren Gunsten gestalten.

Was aber bedeutet das für das Tal? Wir haben bei der 1. Vorsitzenden Angela Brogsitter-Finck, die rund um den Tegernsee als durchaus meinungsstark und äußerst engagiert gilt, nachgefragt, was der neue Status für die Schutzgemeinschaft bedeutet. Zudem gab es noch in der vergangenen Woche eine offizielle Auszeichnung vom Heimatschutz Ministerium, der mit 1.000 Euro dotiert ist für die SGT.

Was bedeutet die öffentliche Anerkennung als Umweltorganisation für die Arbeit der SGT?

Brogsitter-Finck: Sicher eine Aufwertung unseres Engagements. Damit werden unsere Einwände doch etwas ernster genommen. Mit der Anerkennung gehören wir nun zu den “Trägern öffentlicher Belange” und dürfen offiziell Stellung beziehen zu Bauprojekten im Tal. Das haben wir vorher natürlich auch schon gemacht, aber unsere Stellungnahmen werden dadurch mehr Gewicht erhalten. Durchaus ein Vorteil.

Haben Sie schon mit dem Vorstand der SGT gefeiert? Immerhin war der Weg zur Anerkennung lang und beschwerlich, wie wir gehört haben?

Brogsitter-Finck: Nein, gefeiert haben wir das noch nicht. Einige aus dem Vorstand sind noch in den Ferien. Aber meine fünf Vorstandskollegen und unsere Mitstreiter werden das bei den vielen Veranstaltungen der SGT im Herbst sicherlich nachholen. Die Anerkennung war, wie sie schon erwähnten, mit sehr viel Arbeit über all die Jahre verbunden.

Und – gab es schon weitere Gratulanten?

Brogsitter-Finck: Ja – zum Beispiel haben sich die Kollegen vom Verein zum Schutz der Bergwelt, mit denen wir inzwischen eng zusammenarbeiten, sehr über die Aufwertung und Anerkennung unserer Arbeit gefreut. Ebenfalls alle mit uns verbundenen Verbände haben der SGT zu dem Erfolg gratuliert.

Die SGT darf jetzt auch Klagen einreichen, wie der Verein zum Schutz der Bergwelt e.V., den sie eben schon genannt haben. Dessen Klage gegen die Saurüsselalm hatte die SGT ja öffentlich unterstützt. Ebenso die Petition gegen die Pläne der Bayerischen Staatsforsten in der Valepp.

Brogsitter-Finck: Allerdings – rechtlich gesehen sind wir nun in der Lage vor Gericht zu ziehen. Wir wissen zum Beispiel ja nicht, was sich in den nächsten Monaten an neuen Themen ergibt. Da wird es hilfreich sein, jetzt über den offiziellen Status zu verfügen.

Für mich zeigt sich im Moment die wirklich alarmierende Entwicklung, dass unsere „deutschen Oligarchen“ ihre Bauaktivitäten immer weiter in unsere Bergwelt verlagern, da hier im Tal inzwischen alles verbaut ist, was verbaut werden kann. Wobei wir doch gerade jetzt jeden Winkel an Natur, den wir noch haben, eigentlich schützen müssen.

Können Sie überhaupt als kleiner Verein Kosten für Rechtsbeistände, Gerichtskosten und Sachverständige finanzieren?

Brogsitter-Finck: Unsere Arbeit ist von jeher mit hohen Kosten verbunden. Mit unseren 15 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr, wird das unmöglich zu finanzieren sein. Allerdings arbeiten wir bei diesen Klagen auch immer mit anderen Organisationen zusammen. Das macht es einfacher. Trotzdem, und das haben wir auch in den aktuellen Newsletter geschrieben, benötigen wir Spenden. Je nachdem was auf uns zukommt, können da schnell mal fünfstellige Beträge zusammenkommen.

Dafür gibt es auch eine Spendenquittung nehme ich an?

Brogsitter-Finck: Als gemeinnützig gelten wir ja schon lange – jeder bekommt selbstverständlich eine Spendenquittung.

Gibt es Fonds oder Stiftungen, aus denen Sie jetzt als anerkannte Umweltorganisation schöpfen können?

Brogsitter-Finck: Bisher haben wir da keine Mittel beantragt. Aber das werden wir nun umgehend in Angriff nehmen. Eines der Themen, die wir bestimmt auf unserem nächsten Stammtisch am 9. September in Kaltenbrunn besprechen werden.

Wie wählen Sie Ihre Projekte bei der SGT aus? Es ist ja bekannt, dass viele Bauherren, aber auch Lokalpolitiker, den Newsletter der SGT inzwischen fürchten.

Brogsitter-Finck: Wir lesen die Zeitungen im Tal, so kommen die Themen direkt zu uns. Viele Menschen kontaktieren uns auch direkt – fast täglich bekomme ich Anrufe. Wir haben dann auch noch die Haut der Berge. Da erfahren wir zum Beispiel was im Bergwald im Argen liegt.

Also gehen Ihnen die Themen nicht aus?

Brogsitter-Finck: Ganz bestimmt nicht. Nehmen Sie nur den Bike Park in Ostin. Da haben wir schon eine Stellungnahme zusammen mit der hervorragenden Biologin Gabriela Schneider abgegeben im letzten Jahr. Aber nun werden die Pläne erneut ausgelegt und wir müssen erneut eine Stellungnahme verfassen.

Viel Arbeit wieder einmal.

Und dann ist da noch die unsägliche Jagdhütte auf dem Weg zur Holzeralm in Bad Wiessee oder die Fällaktion im letzten Winter bei den Brenner Apartments in Gmund. Die Themen sind vielseitig und man muss immer dranbleiben.

Was ist Ihre größte Sorge in Bezug auf die aktuellen Entwicklungen im Tal?

Brogsitter-Finck: Da sind, wie schon gesagt, die Übergriffe auf unsere Bergwelt. Nehmen wir nur die vielen Hütten. Wir wissen ja gar nicht, was mit Siebenhütten passiert oder mit der Königsalm. Da oben zeigt sich immer noch unsere einmalige, ursprüngliche und wunderschöne Bergwelt. Das macht mir Angst. Was passiert, wenn das alles weiter vermarktet wird?

Können Sie nachvollziehen, dass angesichts der immer noch andauernden Pandemie, dem Angriffskrieg in der Ukraine und der Ungewissheit, die im Winter bei der Energieversorgung herrscht, viele Menschen sich nicht mit den Themen der SGT auseinandersetzen wollen oder auch können?

Brogsitter-Finck: Natürlich habe ich Verständnis für die Ängste der Menschen hier vor den großen Krisen und deren Folgen.

Daher macht es mich ja andererseits so fassungslos, wie sich die Investoren angesichts der aktuell schwierigen Situation, nicht einfach mal etwas bescheiden zeigen. Wie können wir hier weiterhin unseren Luxus und die großen Pläne so zur Schau stellen, während die Leute nicht wissen, wie sie ihr normales Leben noch finanzieren sollen?

Also ist das hier im Tal nicht mehr das „richtige Leben“?

Brogsitter-Finck: Wir leben wie in einer Blase am See. Anstatt alles etwas runterzufahren, wird im Tal immer mehr und größer gebaut. Die Monsterplanungen gehen hier einfach weiter. Dabei sehen wir doch täglich in den Medien, was in der Welt passiert und wie viele Menschen gerade jetzt zu kämpfen haben. Nehmen wir nur die Klimakrise, deren verheerende Folgen wir in diesem Sommer überall und auch bei uns erleben mussten.

Etwas ganz anderes – wir haben gehört, dass die SGT für Verdienste um die Heimatpflege mit dem Förderpreis „Heimatpflege-Ausgezeichnet!” bedacht wurde. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert. Werden Sie den Förderpreis am 29. September aus der Hand von Minister Albert Füracker im Heimatministerium in Nürnberg entgegennehmen?

Brogsitter-Finck: Natürlich werden wir unseren Preis abholen. Das ist eine Ehre und auch Anerkennung für unsere 50-jährige Arbeit im Tal. Es ist doch sehr erfreulich, endlich auch von der Landespolitik wahrgenommen zu werden.

Gefeiert dann eben auch von den Politikern, deren größte Kritiker Sie hier im Landkreis sind…

Brogsitter-Finck: Allerdings – darauf bin ich schon sehr gespannt. Ich bin jetzt 16 Jahre Vorsitzende der SGT, doch nie hat sich zum Beispiel Frau Aigner mit uns Verbindung gesetzt. Dabei ist sie hier im Kreis unsere Landesmutter.

Vielleicht kommt Frau Aigner ja wirklich zur Preisverleihung nach Nürnberg. Immerhin haben wir ein Wahljahr. Da lässt man sich auch sehr gern mit Organisationen wie der unseren ablichten.

Aber da mache ich nicht mit (lacht).

Verraten Sie uns einen Ihrer ganz persönlichen Lieblingsplätze am See? Da wo auch jemand wie Sie, die Schönheit des Tals einfach mal nur genießen können?

Brogsitter-Finck: Das Boarhof Café in Bad Wiessee Holz – bei den netten Bauern, den Hühnern und den Enten. Im Café trifft man viele Menschen, die sich an der wunderbaren Natur am Tegernsee erfreuen. Und der Biergarten in Kaltenbrunn, aber nur bei schlechtem Wetter – dann ist es nicht so voll.

Die Tegerseer Stimme bedankt sich bei Angela Brogsitter-Finck für das Interview.


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