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Neue Details der Polizei zum Geiseldrama in Tegernsee

Treffer am Schlüsselbein

Von Martin Calsow

Der Anruf bei der Polizei in Bad Wiessee löste alles aus. Eine Nachbarin hatte Schreie vernommen, war besorgt. Eine Streife fuhr los. Am Ende des Abends liegen zwei tote Menschen in ihrem Blut. Eine junge Frau von Messerstichen tödlich verletzt, der Täter von einer Kugel getroffen. Jetzt sind nach unseren Recherchen neue Details bekanntgeworden.

In diesem Haus in Tegernsee kam es am 10.11.2020 zu einem Tötungsdelikt.

10.11.2020, gegen 17.00 Uhr. Die Polizei in Bad Wiessee wird von einer Nachbarin alarmiert. Wenig später ist sie mit einer Streife vor Ort.

Der Einsatz der Polizei soll nach Angaben der Behörden nicht unkoordiniert, sondern nach einem eingeübten Prozedere abgelaufen sein. Die Staatsmacht legt Wert darauf, dass schon frühzeitig ein Einsatzleiter der Polizei koordinierend vor Ort war, es also keinerlei wildes und selbständiges Zugreifen der Beamten vor Ort gegeben habe.

“Schon vor dem Eintreffen des Sohnes (den der Täter, ein italienischer Staatsbürger, angefordert hatte) war ein Einsatzleiter vor Ort vorhanden”, so Martin Emig, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, in einer schriftlichen Erklärung der Tegernseer Stimme gegenüber.

Gegen 18.50 Uhr. Die Polizei bringt den Sohn vor die Tür. Dahinter steht der Vater mit seiner Freundin, dem späteren Opfer. Es kommt zu einem Gespräch zwischen den beiden Männern.

Diese Kommunikation scheint nicht beruhigend auf den Täter gewirkt zu haben. Denn die Beamten am Einsatzort bitten über die Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums Oberbayern um Verstärkung durch ein Sondereinsatzkommando. Das kommt allerdings zu spät, ist noch in der Anfahrt. Die Polizisten vermuten eine Notlage, greifen selbst ein.

Draußen bemerken Beamte, dass sich das Paar auf den Balkon bewegt und dann in die Nachbarwohnung eindringt.

Warum der Balkon, über den der Täter mit seinem Opfer in die Nachbarwohnung flieht, nicht von Polizisten gesichert worden war, bleibt unklar. “Es bestanden keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Situation in die Nachbarwohnung verlagert”, erklärt der Pressesprecher. Das ist insofern interessant, als dass dreizehn Einsatzkräfte von verschiedenen Dienststellen des Präsidiums Oberbayern vor Ort waren.

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Die zweite Wohnung ist klein. Der Polizeisprecher: “Es handelt sich um ein Ein-Zimmer-Appartement mit Kochnische und Bad.” Kleiner Raum, das bedeutet wenig Möglichkeiten des Ausweichens.

Gegen 20.00 Uhr. Die Wohnung wird von den Beamten gestürmt. Der Täter zündet einen Knallkörper. Nach einem kurzen Zurückweichen entscheiden sich die Polizisten, erneut in die Wohnung zu gehen.

“Zu dem gefragten Zeitpunkt befanden sich der männliche Täter und die Einsatzkräfte in der Wohnung sowie das weibliche Opfer auf dem Balkon”, erklärt die Polizei. Es ist eng, Rauch durch den Böller hängt in der Luft. Der Täter soll mit einem Messer die Polizisten bedroht haben. Es wird geschrien. Der Täter weigert sich, die Beamten zum Opfer kommen zu lassen. Die Polizisten sehen die Frau auf dem Balkon in ihrem Blut. Es ist eine Sekunden-Entscheidung. Eine,  die kein Bürger treffen möchte. Eine, die kein Krimi abbildet.

Nach unseren Erkenntnissen schießt ein Polizist zwei Mal. Ein Schuss “traf den Mann oberhalb des linken Schlüsselbeins.” Erfolgt der polizeiliche Schusswaffengebrauch zur Gefahrenabwehr, insbesondere aus Notwehr beziehungsweise Nothilfe, sei laut Pressesprecher nicht die Anzahl der Schüsse, sondern allein die Wirkung beim Angreifer entscheidend. Von dem Schützen müsse dabei stets geprüft werden, ob eine weitere Schussabgabe zur Unterbindung des Angriffs erforderlich sei.

Der Pressesprecher spricht vage “von einem Beamten der zweiten Qualifikationsebene”, welche früher als “Mittlerer Dienst”, dem Einstiegslevel der bayerischen Polizei bekannt war. Dennoch, unerfahren soll der Polizist nicht gewesen sein. “Der Beamte hat im Dienstbetrieb alle erforderlichen Einsatz- und Schießtrainings absolviert”, erklärt Martin Emig.

Der Täter war kein Unbekannter

Der Mann, der tödlich getroffen in der zweiten Wohnung liegt, ist kein Unbekannter für die Polizei. Bei der Polizeiinspektion Bad Wiessee erfolgte, das bestätigte uns Pressesprecher Emig, vor der Tat eine Anzeigenaufnahme wegen häuslicher Gewalt. Der Täter hatte seine Frau scheinbar zuvor mehrfach bedroht. Noch immer ermittelt die Polizei, wird weitere Details schildern müssen. Die tote Frau, eine Rumänin, soll mittlerweile in ihre Heimat überführt worden sein.

Fakten zu häuslicher Gewalt, Zuständigkeitsbereich Oberbayern Süd, also bei uns:

  • Im Jahr 2019 wurden im Bereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd 1.612 Fälle häuslicher Gewalt in der PKS erfasst.
  • Die Opfer Häuslicher Gewalt waren mit einem Anteil von 80,8 % auch 2019 in der Mehrzahl weiblich (2018: 81,1 %).
  • Unter Mord und Totschlag sind in der Statistik 2019 fünf Fälle aufgelistet.
  • 2019 waren in 41,6 % der Fälle Kinder bei der Tatausführung anwesend, die somit zumindest mittelbar durch die Erfahrung der Gewaltanwendung im Nahbereich zum Opfer wurden.
  • Auch während der schrecklichen Tat in Tegernsee war der kleine Sohn des Paares in der Wohnung.


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