Ein Kommentar zum Angriff auf die Miebacher Polizeistation
Wie gehen wir mit den Roma aus Rumänien um?

von Martin Calsow

Ein Mann wird verhaftet. Er soll, so der Verdacht, an einem Kind ein Sexualdelikt begangen haben. Er stammt aus einer durchreisenden Gruppe, einer sogenannten “Großfamilie” rumänischer Nationalität. Am nächsten Tag wollen Menschen aus dieser Gruppe den Verdächtigen aus der Haft befreien. Sie attackieren die Polizeistation in Miesbach. Und schon gehen bei allen die Alarmglocken an. Was aber schreiben wir?

Die Miesbacher Polizeistation wurde am Dienstag von rund 30 rumänischen Staatsbürgern angegriffen.

Ein Kommentar von Martin Calsow:

In jüngster Zeit liegt das Stürmen von staatlichen Einrichtungen wie den Reichstag oder das Capitol im Trend. Aber auch hier im schönen Oberbayern hielt und halten das Gruppen für eine dufte Idee. Vor zwei Jahren haben das Jugendliche, einige aus gutem Hause, wie man so schön sagt, eine Polizeiwache in Starnberg, versucht zu stürmen.

Und nun eine Gruppe aus Rumänien am Dienstag in Miesbach. Früher titulierten wir sie mit dem Schmähwort “Zigeuner”, ein Wort der bewussten Ausgrenzung. Sinti und Roma wollen sie genannt werden. Das ist fair und sollte die Höflichkeit gebieten. Ist das Nennen aber für die Berichterstattung wichtig? Unbedingt, so finde ich.

Wegblenden ist feige

So wie ich wissen will, dass es kürzlich zwei Afghanen waren, die ihre Schwester töteten, es ein biodeutscher Manager aus Unterhaching war, der seine Ehefrau mit einer Hantel erschlug, will ich wissen, woher die mutmaßlichen Täter kommen, welchen Hintergrund sie haben.

Warum? Ich will mir ein umfassendes Bild machen, will es in zukünftige Debatten über Männergewalt oder Morden aus kultureller Tradition heraus, als Gedankengang einfließen lassen. Wegblenden, aus Angst vor Klischeebedienung ist feige. Wenn wir ein erwachsenes Volk sein wollen, können wir uns auch mehr zutrauen.

Politische Ignoranz vs. archaische Traditionen

Beispiel Sinti/Roma: Wer sich über die Lebensbedingungen dieser Ethnie in Osteuropa informiert, erfährt viel von unsagbarer staatlicher Unterdrückung und Repression. Er oder sie erfährt aber auch von nahezu archaischen Traditionen und Regeln innerhalb dieser Ethnie, die einen sozialen Aufstieg, gleich in welchem Land, oft unmöglich machen. Hier treffen politische Ignoranz und Verfolgung auf katastrophale und vorsintflutliche Gruppenstrukturen der Sinti und Roma in diesen Ländern.

Ausstiege, Schulbildung bedeuten Verrat an der Gruppe, die einem doch so viel Schutz geben kann. Aus diesem Gedanken mag auch die versuchte Stürmung passiert sein. Wie die bayerische Polizei nach bisherigem Informationsstand darauf reagiert hat, war robust und angemessen. Gleichwohl werden nach den Verurteilungen wirklich nachhaltige Aufarbeitungen seitens des Staates mit der Gruppe der Sinti und Roma ausbleiben.

Zukünftige Eskalationen verhindern

Sie wollen eben die ethnische Herkunft nicht thematisieren, obwohl sie vermutlich ein Schlüssel für Erklärungen wäre, zukünftige Eskalationen verhindern könnte, und in der Gesellschaft nicht nebulöse Vorurteile durch Wegschweigen erzeugte. Zum andern wird sich auch sonst kein Politiker finden, der die Frage des Umgangs mit dieser Gruppe in unserem Land einmal auf die Tagesordnung setzt. Und wir? Wir wollen in unseren Vorurteilen verharren, fahrendes Volk eben.

Aber so leicht ist es nicht: Wenn Einrichtungen und Personen, die unseren Rechtsstaat repräsentieren und schützen, angegriffen werden, sollte uns das mehr wert sein, als eine billige Ideologie- und Rassismusdebatte.


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