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Christian Köck über Antikriegs-Demos und Rottacher Oligarchen

„In dem Fall war ich der Böse“

Von Simon Haslauer

Er war auf keiner der Friedensdemos in seiner eigenen Gemeinde. Im Interview mit SPIEGEL TV bezeichnete er die Demonstrationen gegen den Oligarchen Alisher Usmanow als „Hetzjagd“. Doch was denkt Rottachs Bürgermeister Christian Köck wirklich über den Putin-Unterstützer? Im TS-Interview steht der Politiker nun Rede und Antwort.

Der Bürgermeister von Rottach-Egern, Christian Köck. / Archivbild

Rottach-Egern – da, wo das Geld noch zählt – so die Überschrift des Kommentars unseres Kollegen Martin Calsow vom Freitag. Ein Kommentar, der vielen aus der Seele spricht, das spiegelt sich zumindest in den Kommentaren unter dem Beitrag oder auf Facebook wider.

Viele Menschen zeigten sich in den vergangenen Wochen verwundert, dass Rottachs Bürgermeister Christian Köck keine klare Stellung beziehen wollte. Doch was sagt Köck zu dem Vorwurf, er sei ein „Oligarchen-Freund“? Klar ist: Beiden Friedensdemonstrationen in seiner Heimatgemeinde blieb der CSU-Politiker fern, nannte die Demos eine „Hetzjagd“. Im Interview mit der TS verteidigt er nun seine Aussagen.

Tegernseer Stimme: Warum haben Sie sich bisher nicht wie andere Bürgermeister, Gemeinderäte und auch der Landrat gegen den Oligarchen Alischer Usmanow gestellt?

Christian Köck: Also, ich hab mich schon gegen ihn gestellt. Ich habe die letzten drei Wochen nichts anderes getan, als Interviews zu beantworten. Was bei SPIEGEL TV und Quer passiert ist: Es sind aus Gesprächen, die über eine Stunde aufgezeichnet wurden, zwei Sätze herausgenommen worden. Die wurden dann so platziert, dass es den Anschein erweckt als wäre ich Sympathisant von Usmanow – was ich keinesfalls bin.

Also wurden Sie aus ihrer Sicht falsch wiedergegeben?

Köck: Ich habe unter anderem mit namhaften Medien gesprochen. Es war die Welt, die Wirtschaftswoche und die Süddeutsche Zeitung dabei. Das sind alles keine Medien, die unbekannt sind. Die haben, komischerweise sag ich mal, der Wahrheit entsprechend sachlich berichtet. Das andere ist reißerisch und so auch niemals von mir in einem Wortlaut geäußert worden, wo man nur den Anschein hätte, als würde ich mit einem von denen unter der Decke stecken.

Aus welchem Grund waren Sie auf keiner der beiden Demos gegen Putin und Usmanow, so wie Ihre Kollegen?

Köck: Die eine war an einem Sonntag Abend. Die wurde von der JU mit den Jungen Sozialisten und auch den Jungen Grünen organisiert und – wie Sie sicherlich wissen – bin ich vor fünf Wochen Vater geworden. Ich bin in letzter Zeit, was meine Arbeit angeht, dermaßen beansprucht, dass ich froh bin, wenn ich zumindest am Wochenende mal meine Familie sehe.

Bei der Demo in Rottach war Christian Köck nicht anwesend.

Bei der zweiten Kundgebung war ich wesentlich mehr beteiligt. Weil man die natürlich ordentlich organisieren muss. Das heißt, wir als Gemeinde waren diejenigen, die für Sicherheit und Ordnung zuständig waren. Wir haben gemeinsam mit dem Landratsamt, den Veranstaltern und der Polizei dafür gesorgt, dass das im Kurpark in Rottach stattfinden konnte. Als politische Vertreter waren der Herr Radwan, der Landrat und der Bürgermeister der Nachbarstadt, Tegernsee, dabei.

Und Sie waren dann …?

Köck: Ich hatte an dem Tag einen Termin, den ich schon Wochen davor organisiert hab. Da ging es um das Wohnbauprojekt in der Haslau. Da hat es leider eine zeitliche Überschneidung gegeben. Das war aber nicht zu vermeiden. Da waren Mieter dabei, die warten dringend auf eine Entscheidung von uns. Die müssen aus dem jetzigen Häusern raus und müssen künftig neue Wohnungen, die wir erst bauen müssen, beziehen. Da war der Architekt dabei, der Herr Hofmann und Ich. Aber ich habe die Kundgebung selbstredend unterstützt!

Ich hab gesagt: “Wenn es eine Friedensdemo ist, jederzeit.” Von daher weiß ich nicht, wieso es so schlimm ist wenn man da einmal nicht persönlich dabei ist.

Was hat Sie dazu veranlasst im Nachgang von einer Hetzjagd auf Usmanow zu sprechen?

Köck: Das ist aus dem Zusammenhang gerissen worden. Ursprünglich hätte die Demo vor dem Haus von Herrn Usmanow stattfinden sollen und wenn sie sich vor Augen halten, dass im Bezug auf die Montagsspaziergänge sogar der Landrat selber sich dazu veranlasst gesehen hat, seine Nachbarschaft zu schützen und diesen Protestzug durch seine Straße nicht mehr stattzugeben, sondern von der Polizei umleiten lassen, dann wären wir hier mit dem kompletten Zug zweimal an dem Usmanow-Anwesen vorbeimarschiert.

Außerdem hatte die Polizei erhebliche Sicherheitsbedenken und wir müssen uns auch vor Augen führen – ohne jetzt den Herrn Usmanow schützen zu wollen – dass es ja so ist, dass momentan in aller Munde ist, dass Kommunalpolitiker seit Jahren eigentlich unter Beleidigungen zu leiden haben – auch unter persönlichen Angriffen. Manchmal sogar unter körperlichen Angriffen.

Und ich sag einmal, wenn das künftig Schule macht, dass man immer dann, wenn einem etwas nicht passt, vor dem Haus von irgendjemanden aufkreuzt, dann glaub ich, kommen wir zurück in die Zeit des Haberfeldtreibens. Und das kann ehrlich gesagt keiner wollen.

Und daher wurde der Ort der Demo verschoben?

Köck: Mir war eben die Sicherheit ganz wichtig. Ich habe auch nicht gewusst, ob es nicht sogar gefährlich ist wenn der Herr noch im Ort ist und sein Sicherheitspersonal um sich hat, ob dann nicht vor dem Haus was passieren kann. Deswegen haben wir auch auf eine stationäre Veranstaltung im Kurpark gepocht.

Was noch eine Rolle gespielt hat: Der Seeuferweg, der an diesem Anwesen vorbeiführt – höchstens drei Meter ist der breit. Das heißt, wenn ich da mehrere 100 Teilnehmer hab, hätte ich die Corona-Regeln dort nicht einhalten können. An das mussten wir alles denken. Deswegen haben wir uns mit dem Landratsamt und Polizei darauf verständigt, das Ganze im Kurpark stattfinden zu lassen.

Und dann fiel die Aussage mit der „Hetzjagd“ …

Köck: Das habe ich dann damit auch gemeint, dass es gefährlich werden kann, wenn man da eine „Hetzjagd“ vor dem Anwesen veranstaltet. Das wollten wir ehrlich gesagt nicht haben. Da waren Familien mit Kindern dabei. Es kann nicht im Sinne eines Einzelnen sein, dass man eine Friedenskundgebung organisiert und die Lage eskaliert. Am Ende wird noch jemand verletzt.

Die Dame von SPIEGEL TV hat das leider nur rausgenommen und hatte das schöne Spiel “der eine ist der Gute, der eine ist der Böse”. In dem Fall war ich der Böse.

Wie viele Flüchtlinge hat die Gemeinde Rottach-Egern denn inzwischen aufgenommen?

Köck: Ich kann das aktuell noch gar nicht beziffern, weil wir nämlich sehr viele Leute im Ort haben, die Unterkünfte angeboten haben. Das Landratsamt prüft die Unterkünfte darauf – das ist dieselbe Situation wie wir es vor einigen Jahren bereits hatten. Es eignet sich ja nicht jede Unterkunft.

Aber es hat meines Wissens sehr viele private Personen gegeben, die auch schon Menschen aufgenommen haben. Die kommen nach und nach zu uns auf die Gemeinde, weil sie einen Aufenthaltstitel brauchen. Denn nur wenn sie den Aufenthaltstitel haben, bekommen sie Geld und haben die Chance in den Arbeitsmarkt zu kommen.

Ich hatte diese Woche zum Beispiel eine junge Mutter mit drei Kindern im Rathaus. Die war bei mir im Büro und hat gefragt ob sie reinkommen darf. Sag ich “freilich”. Wir haben uns eine halbe Stunde auf Englisch unterhalten und sie hat mir die tatsächliche Situation in Kiew beschrieben. Das hat mich wirklich geerdet, muss ich ganz ehrlich sagen.

Was tut Rottach-Egern konkret zur Unterstützung der Flüchtlinge? In Bad Wiessee wurde ja beispielsweise ein Treffpunkt im Bürgerstüberl organisiert.

Köck: Wir haben in Rottach-Egern die Situation, dass nach der letzten Gemeinderatssitzung vereinbart werden konnte, dass der Helferkreis, der 2015 schon in Betrieb gegangen ist, da ist noch ein Netzwerk da – “Rottach-Egern hilft”. Da gibt es noch eine Website, die man die letzten Jahre ruhen ließ, weil der Betrieb nicht so stark war. Aber jetzt wird das wieder ins Leben gerufen. Ich glaube es ist ganz wichtig, dass man Strukturen aufbaut.

Es ist schön, wenn viele Leute helfen wollen, aber man muss das auch irgendwie koordinieren. Damit man weiß, wir sind da dran. Wir müssen das aber gemeinsam angehen, da gibt es auch keine Parteigrenzen, keine persönlichen Ressentiments. Es geht nur um das Wohl der Flüchtlinge. In erster Linie liegt jetzt der Fokus auf den Kindern. Man kann sich vorstellen, was die mitgemacht haben.

Herr Köck, vielen Dank für das Gespräch.


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