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Wiesseer Heizkraftwerk fehlt Akzeptanz

65.000 Euro für die Katz

Als Beitrag zur Energiewende wurde es mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht. Das Hackschnitzelwerk am Badepark für 6,5 Millionen Euro sollte auch die heimische Waldwirtschaft unterstützen. Doch man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, den notwendigen Großkunden. Nachdem nun auch der letzte absagte, verbrannte die Gemeinde viel Geld für das Projekt.

Das geplante Heizkraftwerk am Badepark ist jetzt Geschichte

Schon im Oktober 2017 hätten die Alarmglocken im Rathaus klingeln müssen, als die Sports Medicine Excellence Group (SME), die auf dem Jodbad-Gelände ein Hotel mit Medizinzentrum errichtet, der Gemeinde eine Abfuhr erteilte. Der Anschluss ans gemeindliche Fernwärmenetz käme dem Unternehmen zu teuer. Geplant war eine Ringleitung vom Heizkraftwerk, angedockt am Badepark. Es sollte ein 17,50 mal 17 Meter großes, sechs Meter hohes Gebäude mit Flachdach werden und einem Bunker für 310 Kubikmeter Hackschnitzel. Mit einer zweistufigen Rauchgasreinigung sollte aus dem Kamin nur Wasserdampf kommen. Die Kosten für den Investor wurden mit rund 6,5 Millionen Euro kalkuliert.

Trotz der Absage von SME wurde weiter in die Planung investiert, in der Hoffnung, dass wenigstens die Familie Strüngmann, die an der Seepromenade ein Luxushotel sowie fünf Wohn- und Geschäftshäuser plant, nicht abspringt. So wurde unbeirrt die europaweite Ausschreibung betrieben, verbunden mit hohen Kosten. Allein für die juristische Beratung bei der Ausschreibung fielen Kosten von 28.000 Euro an. Hinzu kamen 30.500 Euro für die Projektkoordinierung und 6.500 Euro für die technische Unterstützung im Rahmen der Ausschreibung. Unter dem Strich sind dies 65.000 Euro, auf denen die Gemeinde nun sitzenbleibt.

Denn Strüngmanns Athos Service GmbH teilte Ende Februar mit, „dass man sich dort aus Kostengründen nicht an dem Projekt beteiligen werde, da die Konditionen unwirtschaftlich seien“, wie Robert Huber (SPD) als amtierender Bürgermeister gegenüber dem Gemeinderat eingestehen musste. „Es sei angedacht“, so Thomas Maier von Athos, „das Hotel als auch die Wohngebäude mit eigener Anlagentechnik zu betreiben“. Vorausgegangen war am 19. Februar „eine erste Vorstellung des geplanten Hotelprojekts“, so die nachgereichte Information der Gemeinde von heute.

Badepark statt Heizwerk

Alle anfängliche Euphorie war nach der Absage Strüngmanns verflogen, teils waren versteinerte Mienen zu beobachten. Nur ein Ratsmitglied dürfte die Blamage mit Genugtuung erfüllt haben: Beate Meister (fraktionslos). Sie hatte von Anfang an als einziges Ratsmitglied gegen das Projekt gestimmt. Ihr Einwand: Vor dem Okay der Großkunden brauche die Gemeinde nichts beschließen. Sie tat es dennoch und steht nun vor einem Scherbenhaufen.

Denn auch der Badepark steht vor einer Zeitenwende: Sanierung oder Neubau? Kosten: etwa 20 Millionen Euro. Offen bleibe, so Huber, „wie wir dort weitermachen“. Doch Huber machte aus der Not eine Tugend. Für ihn war nun bei der Neugestaltung des Badeparks das Heizwerk plötzlich ein Hindernis, „das uns bodenlos blockiert“. Nicht so „extrem“ sei es bei einer Sanierung. Elementar für ein Heizwerk wären die beiden Großabnehmer gewesen. „Das ist jetzt nicht mehr gegeben. Somit ist auch eine Wirtschaftlichkeit des Unternehmens von Anfang an ausgeschlossen“.

Sollte die Gemeinde das Heizwerk trotzdem initiieren, würde der Betreiber, wenn es sich für ihn nicht rechnet, die Gemeinde in die Pflicht nehmen. Wenn sich diese Parameter so negativ darstellen, könne er sich nicht vorstellen, wie eine energetische Wärmeversorgung des Badeparks funktionieren könne. Denn ohne Großabnehmer würden laut Huber die Energiekosten 30 Prozent über dem Marktpreis liegen. „Da wird sich kein Mensch an das Netz anschließen“.

Kehrtwende in der Energiewende

„Wir sind sehr euphorisch gestartet, da Bad Wiessee ökologischer Vorreiter sein wollte“, räumte Klaudia Martini (SPD) ein. Eines sei aber immer klar gewesen, „dass nicht die Gemeinde eine solche Anlage baut, sondern ein privater Betreiber“. Nicht nur mit Strüngmanns Absage ergebe sich eine neue Situation, sondern auch mit der Erneuerung des Badeparks, „für die wir einen Grundstücksumgriff brauchen“. Beispielsweise für eine andere Anordnung des Kinderbeckens. Deshalb wäre es jetzt nicht gut, dort ein Heizkraftwerk zu errichten.

Nicht überzeugt habe sie nun auch die ökologische Wirksamkeit des Hackschnitzelwerks. Wenn man nicht sicherstellen könne, den Radius der Holzanlieferung regional zu begrenzen, „dann sieht die Ökobilanz ganz anders aus, wenn wir Holz aus rumänischen Wäldern herkarren“.

Martinis Kehrtwende war Wind auf die Mühlen von CSU-Fraktionssprecher Kurt Sareiter: „Wir haben immer gesagt, dass der Standort falsch ist, wenn der Badepark generalsaniert oder neu gebaut werden soll, dann kann man nicht 50 Zentimeter dahinter ein Heizwerk planen“.

Strüngmanns „Rückzieher“ verärgert Gemeinderäte

SPD-Sprecher Bernd Kuntze-Fechner plädierte dafür, zunächst einmal das EU-Ausschreibungsverfahren zur Kenntnis zu nehmen, bevor man den Daumen senke. Es verwundere ihn schon, dass jetzt das vorgesehene Grundstück für den Badepark gebraucht werde.

Mit der Verwaltung abrechnen wollte Rolf Neresheimer (ranBW). Man sei bei dem Projekt hintergangen worden, da sich ein Arbeitskreis Badepark mit dessen Modernisierung beschäftigt habe. Doch Huber habe diesem ein Ende bereitet, weil nun an einen Neubau gedacht werde. Zwischenruf von Ingrid Versen (CSU): „Das Heizwerk ist tot“. „Geschockt“ über den „Rückzieher“ von Strüngmanns Unternehmen zeigte sich Markus Trinkl (FWG). „Ich finde das schon fragwürdig“. Dann heize man eben weiter mit Öl, prognostizierte Trinkl, „und die Ölscheichs werden immer fetter“.

Fritz Niedermaier (FWG) erinnerte daran, dass „man einen Haufen Zeit und Geld in das Projekt investiert hat“. Dann wäre das ganze Geld rausgeschmissen, was sich die Gemeinde gar nicht leisten könne. Er wolle wissen, wer an der europaweiten Ausschreibung teilgenommen und das Verfahren gewonnen hätte. Nicht die Gemeinde sollte die Verhandlungen mit Strüngmanns Athos führen, sondern der potenzielle Gewinner der Ausschreibung. „Vielleicht hat der eine ganz andere Idee“.  Doch dieser Teil der Diskussion wurde im nicht-öffentlichen Teil der Sitzung weitergeführt.

 


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