Krippen-, Hort - und Kindergartenplätze fehlen:
Desolate Kinderbetreuung im Tal

Seit zehn Jahren haben Eltern einen Anspruch auf einen Kitaplatz. Trotzdem ist die Situation unverändert, womöglich schlimmer geworden.

Völlig erledigt; viele Eltern fühlen sich von der Politik alleingelassen. Foto: Julia Jäckel.

Es nennt sich sperrig “Kinderförderungsgesetz”, besteht seit Mitte 2013, und garantiert einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kinder “von der Vollendung des 1. bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres”. Das Betreuungsangebot umfasst die frühe Förderung in einer Tageseinrichtung oder in der Tagespflege. Seit nunmehr zehn Jahren weiß man: Es wird eng mit der professionellen Kinderbetreuung im Tal. Wir müssen mehr Einrichtungen aufbauen, müssen mehr Kräfte haben. Stattdessen Wartelisten und Wut bei allen Beteiligten.

Vor drei Jahren standen sie bei Bürgermeister Johannes Hagn vor der Tür. Eltern, die keinen Platz für die eigenen Kinder bekamen, beschwerten sich, waren sauer. Aber Hagn konnte kaum etwas tun? Es fehlte an allem im Tal. Zwar gab es die Zusage der Ministerin von der Leyen (CDU), aber die Kommunen ließ man im Stich. Andererseits war da auch wenig Alarmstimmung, wurde wenig – zumindest nicht öffentlich – nach München oder Berlin eskaliert. Kein Bürgermeister erzählte uns in Interviews, wie schwer er es hatte mit dem Ausbau der Kinderbetreuung.

Man könnte jetzt leicht auf die Besels, Köcks, Bierschneiders, Kühn und Hagns (für jene, die unter Steinen leben: Das sind unsere Bürgermeister) in unserem Tal eindreschen, auf ignorante Gemeinderäte mit dem Finger zeigen, die meinen, Kinder seien daheim besser aufgehoben. Aber das ist alles vertane Zeit. Zumal, aus Gesprächen mit Eltern wissen wir, wie sich manche Bürgermeister über die Maßen einsetzen, vieles sehr unbürokratisch möglich machen. Es bleibt jedoch ein Flickwerk.

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Werden Kinder im Tegernseer Tal von der älteren Bürgerschaft als eher als lästig wahrgenommen? Zugespitzt formuliert: Erst brauchen sie Raum für die Kita, eine schöne Wiese in Dürnbach soll gar bebaut werden. Später machen sie Lärm im Kurpark oder der Seepromenade. Will eine alternde Tal-Gesellschaft also nur ihre Ruhe?

Wäre da nicht das fulminante Engagement des evangelischen Pfarrers Martin Weber und seiner Mitstreiterinnen, sicherten nicht private Spenden die Finanzierungen vieler Einrichtungen, wäre das Kinder-Chaos im Tal komplett. Aber wieso eigentlich Privatinitiativen? Das ist doch die viel besungene Daseinsfürsorge. Er muss für genügend Plätze sorgen. Der Staat, die Politik versagt hier.

In den vergangenen Jahren wurde, das sage ich aus eigener Anschauung, in Gemeinderäten gern über viele Bauvorhaben gesprochen. Derweil verzweifelten Eltern, weil sie ihre Kinder nicht unterbringen konnten. Ganztagsbetreuung? Von wegen: Stattdessen lange Wartelisten. Wer genommen wird, wer nicht – das erscheint zuweilen unklar. Man muss viele Eltern für ihre Geduld, ihr Organisationstalent bewundern. Wie oft haben Großeltern, Nachbarinnen, Freunde aus der Betreuungspatsche geholfen, weil der Staat seinen Zusagen nicht nachkam? Frauen, die noch viel zu oft das Thema Kinderbetreuung allein austragen dürfen, verzichten auf den eigenen Job, die eigene Karriere. Folge: weniger Gesamteinkommen, kleinerer Wohnraum, weniger Rente. Und die anderen? Die ziehen weg. Lassen ein zunehmend größer werdende Zahl alternder Menschen zurück. Wer will das?

Für viele Familien bedeutet eine Ablehnung des Antrages für einen U3-Platz eine komplette Umstrukturierung und Neuordnung ihrer bisherigen Lebensplanung. Weder die Privatwirtschaft, noch eine Politik, die langfristig denkt, kann das wollen. Interessant dazu: Wir haben in den letzten Wochen von verantwortlichen Politikern wie Karl Bär, Alexander Radwan, Ilse Aigner oder gar Sozialdemokraten wenig bis gar nichts gehört. Das Thema scheint nicht so wichtig wie ein Heizungsumbau zu sein. Und: Als ob die Warteliste nicht lang genug sei, wird obendrauf noch eine völlig disparate Migrationspolitik gekippt. Familien aus der Ukraine (haben nach sechs Monaten Aufenthalt ebenfalls einen Rechtsanspruch) und anderen Ländern kommen mitten hinein in einen ungleichen Wettbewerb um die wenigen Ressourcen. Schnell kommt da die wütende Frage auf: Wer hat eher einen Anspruch?

So schafft man von oben nach unten ein unnötiges Gegeneinander von Gruppen, stärkt Populisten mit schlichten Parolen. Was ist den Eltern zu raten? Klagen? Sie hätten jedes Recht dazu. Aber vor lauter Logistik-Arbeit bleibt für viele wenig Energie oder Zeit, so gegen die Bummel-Politik vorzugehen.

Dass vielen Eltern der Kragen platzt und was sie sich ausgedacht haben, ist hier zu lesen.

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