Gutachten gibt Aldi grünes Licht

Kann Kreuth bei diesem Streit wieder sachlich werden?

Von Martin Calsow

Die Aldi-Erweiterung sorgte im vergangenen Jahr zu hitzigen Debatten im sonst so friedlichen und beschaulichen Bergsteigerdorf Kreuth. Vor allem im Gemeinderat krachte es ordentlich. Bürgermeister Josef Bierschneider schlug daher ein Gutachten vor. Wie schädlich ist nun also die geplante Erweiterung für den örtlichen Einzelhandel?

Der Aldi-Markt soll größer werden – das gefällt nicht allen …

Ein Thema kochte in Kreuth im letzten Jahr enorm hoch: Die Erweiterung des Aldi-Supermarkts in Weissach. Gegner wie der Einzelhändler und Gemeinderat Robert Gerg (SPD) wandten sich mit dem Rückhalt der Schutzgemeinschaft Tegernseer Tal gegen diese Vergrößerung des Discounter-Riesen. Schon jetzt leide der Einzelhandel im Tal unter den Billigangeboten der Groß-Konkurrenz.

Vor allem in der Pandemie hätten die Supermärkte ihren Vorteil voll ausspielen können. Ihnen sei Einhalt zu gebieten, forderten auch andere Gemeinderäte. Besonders zünftig wurde es, als Ratsherr Markus Wrba sich mit überdeutlichen Worten gegen die Kritiker wandte und die Erweiterung als kaum wahrnehmbares Übel sah.

Was genau geplant ist:

Tatsächlich will der Supermarkt nicht seine Ladenfläche erweitern. Bis jetzt besetzt Aldi knapp 1.000 Quadratmeter Fläche, will sie nun um knapp 200 erweitern. Es geht um Aufenthaltsräume und einen größeren Lagerraum. Aber auch das stärkt nach Meinung der Kritiker die Macht des Handelsriesen, bedrängt örtliche Läden massiv. Bürgermeister Josef Bierschneider sah sich plötzlich in einer für ihn ungewohnt überhitzten Diskussion wieder, nichts, was dem sonst so diskret wegregierenden Amtschef gefällt.

Bierschneider verstand die Aufregung gar nicht: “Von einigen Einwendern wurden auch teilweise von falschen Voraussetzungen ausgegangen. So wurde vielfach die Zerstörung einer weiteren Wiesenfläche im geschützten Grea Wasserl als Grund für die Ablehnung angeführt. Tatsächlich ist die Fläche, die nun zusätzlich überbaut werden soll bereits jetzt rund herum von Bebauung umschlossen, vom Aldi-Markt, vom Anlieferungs-Querbau des ALDI-Marktes, von der Gärtnerei und vom Campingplatz. Und die Fläche ist auch nicht mehr ursprüngliche Wiese, sondern wurde bereits beim seinerzeitigen Bau des Aldimarktes umgestaltet.”

Gutachten über Auswirkungen des Aldi-Markts

Aber das reichte den Kritikern nicht. Der Bürgermeister schlug externe Hilfe vor. Ein Gutachten wurde in Auftrag gegeben. Bierschneider, etwas salbungsvoll dazu: “Da wir als Gemeinderäte die Befürchtungen unserer Gewerbetreibenden und auch der Bürger sehr ernst nehmen und dem örtlichen Einzelhandel keinesfalls schaden wollen, war es nach meiner Überzeugung richtig und wichtig, dass wir die Auswirkungen wissenschaftlich untersuchen haben lassen.”

Aus einer Liste der Industrie- und Handelskammer Oberbayern wurde die Firma CIMA beauftragt, die Auswirkungen des Aldi-Markts zu analysieren. Fun Fact: Das Gutachten durfte der Discounter-Riese selbst zahlen. Ergebnis der Gutachter: Der Aldi tut dem Einzelhandel nicht weh, spielt in einer anderen Liga. Seine Konkurrenz: die Lidls und Edekas im Tal.

Vom Zoff zurück zur Sachlichkeit?

Das ist nicht wirklich überraschend für Handelsexperten wie Gerrit Heinemann, der glaubt, dass ”die Händler die Kunden mit schlechten Onlineshops in die Arme von Amazon treiben.” Sie müssten, so Heinemann in einem Interview mit dem SPIEGEL vor zwei Jahren, “massiv in den Onlinehandel investieren und nicht versuchen, die Kunden umzuerziehen.” Manche Händler wollen Kunden durch hohe Versandkosten dazu bringen, ihre Ware im Laden selbst abzuholen (Click & Collect). Dabei verlangen Amazon & Co. häufig gar keine Versandkosten.

Das Problem des örtlichen Einzelhandels liegt vermutlich nicht so sehr beim Discount-Riesen, sondern an der Übermacht des Versandmonsters Amazon und eben oft auch in der fehlenden Bereitschaft hiesiger Einzelhändler, auf veränderte Kundenwünsche einzugehen. Nach zwei Jahren Pandemie haben sich zu viele Menschen an Online-Bestellungen gewöhnt. Das kann man doof finden und untergehen, oder man stellt sich darauf ein.

Bürgermeister Bierschneider jedenfalls hofft nun auf eine Versachlichung der Diskussion. Mediale Transparenz eines gemeinderatsinternen Streits sind ihm da ein Dorn im Auge, oder wie es der Kreuther so schön formuliert: “Mit dem nun vorliegenden Ergebnis wird es für uns Gemeinderäte auf jeden Fall leichter, eine sachlich fundierte Entscheidung zu treffen, die weniger emotionsgesteuert ist.”


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