Robert Jekel im TS-Interview
Schlierseer Heimleitung bezieht Stellung

von Sabiene Hemkes

Seit 2011 steht die Seniorenresidenz in Schliersee immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Wechselnde Betreiber änderten nichts an den Vorwürfen, die unter anderem Verwahrlosung und teils lebensbedrohliche Situationen für die Bewohnern betrafen. Die Kassen wollen Konsequenzen ziehen. Im Interview bezieht Einrichtungsleiter Robert Jekel nun Stellung.

Die Seniorenresidenz Schliersee ist Teil des italienischen Gesundheitskonzerns Sereni Orizzonti

Den Betreibern der Seniorenresidenz in Schliersee werden mannigfaltige Verstöße zur Last gelegt. Die  Staatsanwaltschaft ermittelt. Gegenstand dieser Ermittlungen sind unter anderem der Verdacht auf Körperverletzung in 88 Fällen und mehr als ein Dutzend Tötungsdelikte (weitere Informationen gibt es hier).

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Nach zahlreichen Anfragen hat sich Robert Jekel von der S.O. Nursing Homes GmbH als aktueller Einrichtungsleiter in Schliersee nun ausführlich gegenüber der TS geäußert. Unsere Fragen hat er schriftlich beantwortet. Seine Antworten veröffentlichen wir ungekürzt.

Stimmt es, dass die gesetzlich geforderte Fachkraftquote von mindestens 50 Prozent in Ihrer Einrichtung teilweise nicht erfüllt wurde?

Robert Jekel: Seitdem ich Einrichtungsleitung bin, haben wir die Fachkraftquote von 50 Prozent erfüllt, meistens sogar übererfüllt. Eine Unterschreitung der Fachkraftquote wird uns auch nicht vorgeworfen.

Es wird berichtet, dass die Pflege in der Seniorenresidenz schlecht geplant sei – Visiten hätten kaum stattgefunden und es hätte kein Qualitätsmanagement gegeben.

Jekel: Diese Vorwürfe werden zurückgewiesen. Sowohl die Pflegedienstleitung als auch eine gesondert eingestellte Qualitätsmanagerin kümmern sich um die Qualität in der Pflege, die Pflegeplanung, Risikoanalysen, Pflegevisiten, Medikamentenvergabe usw. Dazu wurden die Strukturen überarbeitet, implementiert, überwacht und geschult.

Zudem sollen Standards systematisch verletzt und damit gesetzliche Verpflichtungen nicht umfassend erfüllt worden sein. Auch sollen dem Personal von Seiten der Betreiber keine Fortbildungen angeboten worden sein. Wie äußern Sie sich hierzu?

Jerkel: Leider hat die Staatsanwaltschaft bei einer kürzlich vorgenommenen Aktion diverse Unterlagen beschlagnahmt, wozu auch solche Dokumentationen und Anweisungen gehörten. Obwohl wir mehrfach den MDK [Medizinischer Dienst der Krankenversicherung] auf die Beschlagnahme hingewiesen haben, wurde dies nicht berücksichtigt, sondern fehlende Dokumente gerügt.

Bei einer genauen Prüfung des aktuellen MDK-Berichtes werden Sie feststellen, dass in erster Linie Dokumentationsmängel beanstandet wurden. Da wir keine Unterlagen hatten, um die Dokumentationen nachzuweisen, wurde dies als Mangel angesetzt. Gleichzeitig wurde aufgrund der vermeintlichen Dokumentationsmängel die Behauptung aufgestellt, dass es bei den Bewohnern zu negativen Folgen gekommen sei. Dies, obwohl solche Folgen gar nicht festgestellt wurden und auch nicht eingetreten sind.

Wir haben umfangreiche Medikamentenschulungen für unsere Mitarbeiter, u.a. mit einer Apotheke, durchgeführt. Auch haben wir immer wieder unsere Mitarbeiter zu Pflegethemen geschult und angeleitet sowie diese angehalten, die vielen Dokumentationsvorgaben einzuhalten.

Auch wenn dies aus Sicht einer „Pflegebürokratie“ vielleicht wünschenswert wäre, können wir nicht ausschließen, dass in Einzelfällen Mitarbeiter ihre Schwerpunkte lieber auf die Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner gelegt haben, als sorgfältig die Pflegedokumentation auszufüllen.

Zwar arbeiten unsere Leitungskräfte mit Hochdruck daran, unsere Mitarbeiter von der Bedeutung der Dokumentation zu überzeugen und sie zur Einhaltung anzuhalten, jedoch ist dies gerade in Pandemiezeiten, in denen alle Pflegekräfte erheblich physisch und psychisch belastet sind, nicht einfach.

Der Vorwurf steht im Raum, Bewohner seien teilweise unterernährt und dehydriert vorgefunden worden…

Jekel: Es gibt bei uns keine unterernährten oder dehydrierten Bewohner. Der MDK leitet aus Gewichtsschwankung und teilweise nicht sorgfältig geführten Trinkprotollen solche Vorwürfe ab, ohne auch nur in einem Fall festzustellen, dass aufgrund von echten pflegerischen Versäumnissen, Bewohner systematisch zu wenig getrunken oder zu wenig gegessen hätten.

Wie bekannt, ist es tatsächlich in der Pflege eine große Herausforderung, schwer erkrankte Bewohnerinnen und Bewohner zum Essen und Trinken zu animieren. Dies benötigt Zeit und Einfühlungsvermögen. Wir können tagtäglich beobachten, wie unsere Mitarbeiter sich um unsere Bewohnerinnen und Bewohner kümmern, damit sich diese wohlfühlen und die für sie erforderlichen Menge an Getränken und Essen zu sich nehmen.

Es gibt aber auch Fälle, in denen Bewohnerinnen und Bewohner es kategorisch ablehnen zu essen und zu trinken, weil sie sterben wollen. Soweit keine anderen sinnvollen Maßnahmen mehr möglich sind, werden sie dann palliativ behandelt.

In solchen Fällen nehmen diese Patienten natürlich erheblich an Gewicht ab, was für Außenstehende ein schwieriger, manchmal auch ein schockierender Anblick sein kann. Dies hat aber nichts mit schlechter oder mangelhafter Pflege, sondern mit der Natur des Menschen tun.

Eine mangelnde Körperpflege bei den Bewohnern ist auch immer wieder Gegenstand der Berichterstattung.

Jekel: Alle Bewohnerinnen und Bewohner erhalten die erforderliche und ihnen zustehende Körperpflege. Es gibt keine verwahrlosten Bewohner. Wir führen z.B. regelmäßige Körperwaschungen, Duschen, Maniküre, Rasuren und Haarschnitte durch. Fühlt sich jemand unwohl und möchte weitere Körperhygiene erhalten, wird ihm dies gewährt.

Die Medikation war ebenfalls immer wieder ein Thema in der deutschlandweiten Medienberichterstattung – Pfleger sollen Medikamente nicht verabreichen, ärztliche Anweisungen sollen ignoriert werden… Was sagen Sie dazu?

Jekel: Auch hier wird aus einem Dokumentationsfehler ein Behandlungsfehler abgeleitet, ohne dass der jeweilige Bewohner oder Angehörige sich z.B. über Schmerzen beklagt hätte.

Vorwürfe gab es insbesondere bei der Bedarfsmedikation, die, wie der Name es schon sagt, bei Bedarf zu geben ist. Wird von der zuständigen und verantwortlichen Pflegekraft in Abstimmung mit dem Patienten ein solcher Bedarf nicht gesehen und ist die Abgabe nicht erforderlich, ist es den Pflegekräften schon fast verboten, solche Medikamente zu geben, weil diese ansonsten das Wohlgefühl der Patienten beeinträchtigen könnten. So ist die regelmäßige Abgabe von Schmerzmittel je nach Krankheitsbild nicht immer erforderlich, zumal man die Patienten auch nicht sedieren o.ä. will.

Die Hausärzte beobachten gerade aufgrund der sehr einseitigen Berichterstattung ihre Patienten sehr genau, auch um sich nicht den Vorwurf auszusetzen, man habe nichts unternommen. Wir arbeiten deshalb mit den Hausärzten eng zusammen. Dabei werden die ärztlichen Anweisungen auch umgesetzt.

Es kann aber vorkommen, dass Änderungen mündlich bzw. telefonisch vorgenommen werden, ohne dass dies zeitgleich dokumentiert wird. Dies sollte zwar nicht geschehen, ist aber möglich. Derzeit werten wir den MDK-Bericht dahingehend aus, ob es zu solchen konkreten Vorfällen gekommen ist. Gleichzeitig schulen wir unsere Mitarbeiter immer wieder dahingehend, Änderungen bei ärztlichen Verordnungen sofort zu protokollieren.

Und was sagen sie zu den Vorwürfen, die zu den Ermittlungen der Nürnberger Staatsanwaltschaft führten – den Ungereimtheiten bei der Abrechnung?

Jekel: Dies wird im MDK-Bericht nicht behauptet. Es gibt lediglich, unter Hinweis auf die Unschuldsvermutung, einen Verweis auf ein laufendes Ermittlungsverfahren. Hier liegen uns jedoch noch keine näheren Informationen vor, weil uns die beantragte Akteneinsicht noch nicht gewährt wurde.

Insgesamt ist das Ergebnis der Prüfungen des MDK Bayern, die zur Androhung der Kündigung des Versorgungsvertrages führte, und der Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen (FQA) des Landratsamtes Miesbach negativ ausgefallen. Es wurde sogar behauptet, bei vielen Punkten sei keine Besserung in Sicht. Was sagen Sie zu dieser Einschätzung?

Jekel: Sicherlich kam es im Wege des Corona-Ausbruches zu Mängeln in der Einrichtung. In dieser Phase habe ich die Einrichtungsleitung übernommen. Mein wichtigstes Ziel war es, einen erneuten Ausbruch zu verhindern und für die Bewohnerinnen und Bewohner ein Zuhause zu schaffen, in dem sie gut betreut und gepflegt werden und in dem sie sich wohl fühlen.

Seitdem ich Einrichtungsleitung bin, gab es keinen Coronaausbruch, sodass dieses Ziel erreicht wurde. Auch haben wir kontinuierlich an der Ergebnisqualität gearbeitet und diese verbessert. Soweit noch Defizite bei der Dokumentation bestehen, arbeiten wir diese weiter, auch mit externer Hilfe, ab.

Unsere Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich in unserer Einrichtung wohl. Wir hatten bisher kaum Auszüge, die meist ohnehin von Angehörigen oder Betreuern initiiert werden, welche aufgrund der Berichterstattung besorgt sind.

Dafür hatten wir umso mehr Anfragen von Interessenten, die gerne in unsere Einrichtung einziehen wollen. Dies hat sich allerdings durch die Falschmeldung des BR geändert, der vorsätzlich fehlerhaft von einer Kündigung des Versorgungsvertrages berichtet hat. Dies hat zu einer großen Verunsicherung besonders bei den Angehörigen geführt.

Sicherlich werden einige Angehörige nun ihre Eltern oder Ehegatten allein wegen der Besorgnis der Heimschließung, jedoch nicht wegen einer unzureichenden Pflege, in ein anderes Heim verlegen. Dies können wir nicht verhindern. Ob damit den Bewohnerinnen und Bewohnern ein Gefallen getan wird, wage ich zu bezweifeln.

Sereni Orizzonte, als großer Pflegekonzern und Mutterunternehmen der S.O. Nursing Homes GmbH, kann nicht zufrieden sein mit dem enormen Imageschaden, den das Unternehmen in Deutschland und Europa zur Zeit erlebt. Wo sehen Sie die eigentlichen Probleme?

Jekel: Aufgrund des Bundeswehreinsatzes in der Einrichtung standen wir unter besonderer politischer Beobachtung. Die politischen Verantwortungsträger mussten sich rechtfertigen und Handlungsfähigkeit beweisen, weshalb wir in ungewöhnlich umfangreichen Maße seitens der FQA unter Beobachtung standen und noch so kleine Mängel hervorgehoben wurden.

Andererseits ist es aufgrund des Pflegenotstandes sehr schwer, ausreichend gutes und qualifiziertes Personal zu finden. Es war deshalb nicht leicht, solches Personal zu finden, weshalb es auch aufgrund von unzureichenden Arbeitsleistungen einiger Mitarbeiter zu einer Fluktuation gekommen ist.

Hier war und ist es schwierig, kontinuierlich gute Leistungen aufrecht zu erhalten. Gerade die Tatsache, dass uns keine echten Pflegefehler und Schädigungen der Bewohner vorgeworfen werden, zeigt, dass die Maßnahmen greifen. Ich denke, dass wir auch noch die Dokumentationsmängel besser in den Griff bekommen werden.

Seitens Sereni Orizzonte erhalten wir umfangreiche Unterstützung. Gerade die dauerhaften erheblichen Zahlungen, die der Mutterkonzern in die Einrichtung investiert hat, widerlegt die wiederholte fehlerhafte Behauptung, man spare an der Qualität und sei nur an Gewinnmaximierung interessiert.

Leider haben auch die Pflegekassen in erheblichem Umfang coronabedingte Mehrkosten im Rahmen des Rettungsschirmes nicht erstattet. Hier ist der Mutterkonzern eingesprungen. Sereni Orizzonte hat bereits im letzten Jahr mehrfach betont, an der Einrichtung in Schliersee festzuhalten und diese zu unterstützen. Diese Zusage wurde bis heute eingehalten.

Wäre Ihr Unternehmen bereit, mit den zuständigen Stellen in Deutschland zusammen zu arbeiten, um die Lage Ihrer Patienten in der Einrichtung zu verbessern?

Jekel: Jederzeit, wenn die zuständigen Stellen das Wohl der Bewohnerinnen und Bewohner an erste Stelle stellen.

Erwarten Sie von Seiten des Unternehmens personelle Konsequenzen? Etwa für Sie persönlich?

Jekel: Ein Versagen der Heimleitung sehen wir aus den genannten Gründen nicht. Die Entscheidung über personelle Konsequenzen unterliegt allein der Geschäftsführung (Anm. der Redaktion – Geschäftsführer der S.O.Nursing Homes GmbH ist Valentino Bortolussi).

Vielen Dank.

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