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Mehr, mehr, mehr: Ein Kommentar zum Tourismus im Tal

Wer zahlt, schafft an?

Von Martin Calsow

Tourismus bringt Geld. Tourismus bringt Ärger. Statt die Augen zu verschließen, braucht es eine faire Gesamtrechnung. Seifiges Gerede schadet unserem Tal nachhaltig. Denn Tourismus sorgt für bislang gern verschwiegene indirekte Schäden.

Sommers wie Winters: bei schönem Wetter ist das Tal voll.

Ein Kommentar von Martin Calsow:

Mit Tourismus ist es wie mit Drogen. Es kommt auf die Dosis und die Frequenz an. Das Buffett-Motto: “Viel hilft viel” greift nicht, wenn die Massen in Holzkirchen von der Autobahn abbiegen, um Stunden später von der örtlichen Bergwacht ausgekühlt aufgegriffen werden. Der Tourist schmutzt. Er staut, verbraucht Ressourcen und steht gern im Weg an der Kasse, im Restaurant oder am Gipfelkreuz.

Doch: Er lässt das Geld da, hilft uns, nicht wie ein verlassenes Sachsendorf mit Rest-Impfgegnern zu werden. Das alles ist natürlich übertrieben. Wir alle sind Touristen – irgendwann mal. Keiner will anderen das Recht auf Reisen nehmen. Es gibt auch kein spezielles auffälliges Münchner Verhalten. Menschen verhalten sich in ihrer Freizeit anders. Aber wo sind die Grenzen des Erträglichen?

Wer im Tal übers Jahr lebt, mag vielleicht den individuellen Touristen, aber eben nicht die Menge der Touristen. Gut, bei einigen Einheimischen wäre ein gedanklicher Austausch mit der Welt da draußen schon hilfreich. Aber wir wollen nicht abschweifen. Über örtliche Eigenheiten haben wir schon an anderer Stelle hinreichend geschrieben.

Hauptsache, die Menschen kommen und konsumieren

Zurück zum thematischen Hauptstrang Tourismus. Sie lassen Geld da, das ist schon mal vorteilhaft – für bedürftige Almbetreiber zum Beispiel, Parkplatz/Skilift-Pächter und Gemeindekämmerer. Der Tourist an sich schmückt, in kleinen Dosen genossen, auch öde Orte wie den Gmunder Ludwig-Erhard-Platz oder den Zentralparkplatz in Wiessee. Aber dort, wo sich zwei (oder mehr) im Namen des Tourismus versammeln, besteht auch die Gefahr des Dichtestress‘. Die Sonne scheint, das Wochenende naht: Für viele von uns heißt das dann daheim zu bleiben. Derweil tobt sich draußen der Touri aus. Mehr noch. Er macht mit eitlen Selfies auch noch Werbung für die bereits übervolle Region. Ja, klar. Polemisch.

An dieser Stelle treten zwei Figuren auf: Es beginnt der Janker-tragende Tourismusfunktionär. 300 Millionen Euro generiere dieser Menschenstrom im Tal jährlich an Umsatz. Bevor man nur die Kosten, die diese Menschen mit ihrem Freizeitverhalten verursachen, erwähnt, fällt einem die zweite Figur ins Wort. Ein alerter Bürgermeister salbadert von den bösen Folgen einer Touri-Beschränkung. Ein Durchgangsort werde man, hält er einem entgegen. Nein, nein, nein, ruft der kleine Häwelmann entrüstet – man müsse den Tourismus fördern, wo man nur könne. Und gerne werbe man als gewählter Volksvertreter auch für einzelne Privatunternehmen wie Luxusalmen. Hauptsache, die Menschen kommen und konsumieren.

So sieht die überschaubare Welt örtlicher Touristiker eben aus: Wer zahlt, schafft an. Flüstert man dann Worte “Overtourism”, wird man von pikierten Hoteliers und Kneipiers niedergekreischt. Dabei geht es ja gar nicht darum, den Tourismus wegzumachen. Es geht, wie oben schon erwähnt, um Menge und Frequenz. Haben wir im Tal noch Ruhephasen? Welche Maßnahmen sind einzusetzen, um die Masse auf ein erträgliches Maß zu bringen? Wer, wann und von wem wird dieses Maß bestimmt? Fragt man hierzu nur jene, die vom Tourismus profitieren und ihre Büttel in der Politik? Setzt man nur willfährige Kopfnicker auf Diskussionspodien?

Die offensichtlichen Schäden…

Zurzeit wollen Betroffene dieses Thema am liebsten in irgendwelchen runden Tischzirkeln wegdelegieren. Möglichst verschieben, verwässern und verstecken. Nichts fürchten Touri-Lobbyisten mehr als einen konzertierten, nachhaltigen Widerstand gegen ihre übermäßigen Betten-Wachstumsträume. Da ist sich mancher Politiker und Funktionär nicht zu schade, zu den dümmsten Argumenten zu greifen. Er will ja nicht Gefahr laufen, hinterfragt zu werden: in Wiessee kommen sie zum Beispiel immer mit dem Bettenvergleich zu früheren Kurzeiten-Jahren. Das ist so unfassbar intellektuell überschaubar, dass man sich angewidert abwendet.

Jeder, der es auch will, sieht die Schäden, die vor allem der Tagestourismus in unserem Tal verursacht. Wir werden zum Rummelplatz, Natur zu einem Eventbereich. Das zeigen dann eben auch die funky Videos von Mountainbikern, die über Baumwurzeln kacheln. Bilder von Staus, vom Dreck in den Wäldern, von der Zerstörung einer fragilen Kulturlandschaft finden da nicht statt. Stattdessen Lederhosenidyll. Ein Menschen-/Trachtenzoo für mehr oder weniger zahlungswillige Touristen. Man hat sich die Identität für viele Silberlinge abkaufen lassen. Was könnte also Mut machen?

Vom Freizeit- wieder zum Lebensraum

Ein neuer Faktor ist seit der Pandemie hinzugekommen. Mehr und mehr Menschen müssen oder dürfen dank veränderter Arbeitsbedingungen von daheim arbeiten. Das Tal ist also nicht nur Freizeit- sondern langsam auch wieder ein Lebensraum. Aus einer dem reinen Tourismus sich verschreibenden Gesellschaft könnte nach und nach eine neue Gemeinschaftsstruktur entstehen.

Bei einer vernünftigen Mietpreisbremse kämen vielleicht auch mehr Familien, mehr junge Menschen, vielleicht sogar kleine Unternehmer und Gründer. Sie könnten im Tal bleiben oder herziehen. Es wäre eine Veränderung, die sich auch auf die Kommunen und deren Einkünfte auswirkte. Schon jetzt sind in einigen Gemeinden mitnichten die Gastronomen und Hoteliers die dicken Einzahler in den Steuersäckel, sondern Investmentfirmen.

Es gibt sie noch: Bürgermeister, die sich bemühen

Sollten wir diese Veränderung vorantreiben? Weg von mehr Hotels, mehr Betten, die wiederum mehr Personal erfordern, für mehr Menschen, die meist nur für wenige Tage kommen? Warum eigentlich gibt es so wenige bezahlbare Familienhotels? Lieber cooler Luxus, statt Kinderlachen? Wo ist die Politik, die sich für jene engagiert, die nicht auf 1.000 Höhenmetern ein Entrecote servieren möchten? Halt, Bürgermeister wie Josef Bierschneider tun das ja schon, leider auch von uns Medien viel zu selten beschrieben. Sie versuchen nahezu verzweifelt, ihre Orte vor der oben beschriebenen Gier zu schützen.

Auch Bürgermeister Hans Hagn aus Tegernsee müht sich da sehr, weil er die Staus in seiner Durchgangsstraße sieht, weil er die künftigen Baustellen am Guggemos kennt, und weiß, was das für den Verkehr im Sommer dort bedeuten wird. Vielleicht wird der zu erwartende Dauerstau wegen der Baustellen um den See im Sommer zu einem Fanal führen. Merke: im Stau stehende Besucher sind keine Konsumenten.

Es wird höchste Zeit für eine ehrliche Analyse, die transparent und nachhaltig alle Aspekte des örtlichen Tourismus aufdeckt. Wie viele Menschen kommen? Wieviel Verkehr ist damit verbunden? Wie hoch sind die damit verbundenen Infrastrukturkosten (auch Brücken/Straßensanierung etc.)? Welcher Hotelier zahlt zum Beispiel dank „Steueroptimierung“ kaum bis gar nicht in die Gemeindekasse ein? (Und wer engagiert sich für das Gemeinwohl, renoviert denkmalschützwürdige Häuser?).

Hotels brauchen fleißige Arbeitsbienen. Diese wiederum drücken auf den örtlichen Mietmarkt. Wer beziffert die Folgen? Tourismus bringt eine Menge Geld, aber er kostet eben auch. Diese Gesamtkostenrechnung muss endlich aufgemacht werden – jetzt!


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